Wann läßt die HWS- Aufnahme an CMD denken?

Je mehr man sich mit der Interaktion zwischen Zahn-Kieferregion und dem Hals beschäftigt, desto mehr wundert man sich, dass man selber (und die meisten Kollegen) da nicht häufiger daran denken…Ein Indiz, das sich bei uns im Laufe der Jahre herausgeschält hat und das wir gerne noch vertiefen würden, sind die indirekten Zeichen einer temporo-mandibulären Funktionspathologie auf dem HWS-Bild.

Ich erinnere mich noch an die Zetterkästen meines Vaters, der ein ganzes Appartment über seiner Praxis für die Wissenschaft reserviert hatte. Hier residierte Frau Hirmer, eine alte Dame (als ich Schulkind war hatte sie sicher die 70 schon überschritten) und wertete nach den Auflagen meines Vaters die immer umfangreichere Literatur aus. dabei wurden Unmengen Karteikarten produziert. Allein der Eintrag ‚Osteochondrose‘ umfaßte mehrere laufende Meter. Völlig sinnlos zu Zeiten, als man von Computern noch nicht einmal träumte, dieser Masse an Verweisen Herr werden zu wollen.

Ditto für ‚Bandscheibenschaden‘ oder ‚Arthrose‘ – und für mich in den Jahren danach Grund genug, gegnüber dem mein quantitativen Anhäufen von Material extrem skeptisch zu sein. Als mein Vater Anfang der 80ger Jahre starb, mußte ich Kubikmeter Papier zur Müllverbrennung fahren…

Zurück zum Thema: diese ‚Groß-Begriffe‘ waren mir danach suspekt und gerade die Osteochondrose schien mir wenig aussagekräftig im Hinblick auf klinisches Bild und diagnostische Relevanz. Man sah sie immer wieder bei Patienten jenseits des Mittelalters, aber es gab so recht keinen Konnex zu dem, was diese Menschen zu uns geführt hatte.

In einem konkreten Fall fiel dann aber mein Groschen: ein vierzigjähriger Buchhalter hatte Paraesthesien im rechten Arm, Osteochondrosen der unteren HWS nach Zahnproblemenwar – wie so oft – auswärts nach MRI mit der Diagnose ‚Bandscheibenvorfall an der unteren HWS‘ versehen worden und kam nun aus Angst vor der Op zu uns. Auch in diesem Fall war die vermeintliche Bandscheiben-Problematik eher Symptom als Ursache. Hinweis auf eine lang anhaltende Pressung der HWS – in diesem Fall bedingt durch ein inzwischen versorgtes Zahnleiden. Auf der seitlichen HWS sieht man (roter Kreis) die Osteochondrose der Segmente C5-C7.

 

Früher war ich mir da ziemlich sicher, dass der Betreffende da ein (oft nicht erinnertes) Trauma durchlitten hatte und dies die Denkmäler dieser Verletzung waren. In diesem Fall schied das fast 100%ig sicher aus. Da fiel mir ein, dass die vordere Muskelgruppe der Kiefermuskulatur eben in diesem Bereich biomechanisch am aktivsten ist. Der Anatom Henk van Mameren hatte in einer Monographie nachgewiesen, dass diese Etagen bei der Ante/Retroflexion besonders belastet sind. Mit der Kasuistik im Kopf und durch die Argumente v.Mamerens bestärkt schaute ich sytematischer nach diesen Zusammenhängen.

Und siehe da, man findet immer wieder Ähnliches. Dabei hat dies durchaus prognostische Relevanz, d.h. wenn man im Bereich C5-C7 Osteochondrosen findet lohnt es sich, nach dem Kiefer-Zahnareal als Kofaktor einer Funktionspathologie zu schauen. Umgekert sieht man (wie in diesem Beispiel) fast regelmäßig, dass bei Patienten, die eine aufwendige Zahnsanierung hinter sich haben, solche Osteochondrosen fest regelhaft nachzuweisen sind.

Fazit für die Praxis: Wenn man auf der Routine- HWS-Aufnahme solches erkennt lohnt es sich noch mehr wie ohnehin schon, an den Zahn/Kieferbereich zu denken.

Das ist bisher eine klinische Beobachtung, die förmlich danach schreit, theoretisch vertieft zu werden.

Dafür erbitte ich Hilfe von denen, die Vergleichbares beobachten oder beobachtet haben. Einfach unten Kommentar hinterlassen.

 

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