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Manualmedizin
Kopfgelenk-induzierte SymmetrieStörung beim Neugeborenen

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Heiner Biedermann

Zusammenfassung  

Das Konzept der Kopfgelenk-Induzierten SymmetrieStörung (KISS) soll den Blick auf funktionelle Störungen der oberen Halswirbelsäule lenken, deren pathogenetische Wertigkeit noch weitgehend unterschätzt wird.  Derartige Störungen lassen sich klinisch eingrenzen und weisen ein typisches Muster von Risikofaktoren auf. Wenn im Einzelfall ihre Relevanz nachgewiesen werden kann, bietet sich eine einfache und risikoarme manualmedizinische Behandlung an.

Die verschiedenen Symptomgruppen des KISS-Syndroms werden vorgestellt. Für eine umfassendere Auseinandersetzung mit dem Thema, insbesondere auch im Hinblick auf Überlegungen zu Pathogenese und neuropädiatrische Erfahrungsberichte sei auf die unlängst erschienene Übersicht verwiesen [5].

Einleitung

„Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörungen“ - wieder ein neuer Begriff, wozu? Nun, reduzieren wir es für den Anfang auf das Substantiv: Symmetriestörung, Abweichung von der Haltung in Mittelstellung. Alles, was nach links oder rechts abweicht, ist ziemlich einfach als „Schiefheit" zu erkennen; auch massives Durchstrecken nach hinten gehört dazu.

Diese Haltungsabweichungen sind schon lange bekannt. In der orthopädischen Literatur wurde schon vor Generationen darauf hingewiesen, ja die „Orthopädie“ (der Begriff stammt vom Pariser Chirurgen N. Andry von 1728 [1]) ist ihrem Namen nach der „Erziehung der Jugend zur geraden Haltung“ verpflichtet. Andry war es auch, der auf die geburtstraumatische Genese hinwies und ganz explizit die dabei Tätigen in Schutz nahm: „Es darf sich ein Kind dem Accoucheur oder der Wehmutter nur übel zeigen, und alsdann träget es sich oft zu, ohne daß der eine oder andere Schuld hat, daß der Kopf und Hals des Kindes ... Gewalt und Verdrehungen leiden, welche dem Halse des Kindes diese üble Gestalt zuwege bringen“. 

 Auch die Betonung des Funktionellen in Pathologie und Behandlung läßt sich in wesentlichen Zügen bis auf diesen Erstautor zurückverfolgen. Immer wieder aber schwankte die Beurteilung der Haltungsabweichungen zwischen Bagatellisierung und Ernstnehmen. Man sprach von „physiologischer Säuglingsskoliose"[11] - also einer normalen Situation ohne Behandlungsnotwendigkeit - oder man schnallte die Babies in Gestelle [17].

Deshalb soll im Folgenden nicht nur das Krankheitsbild und seine effektive Behandlung dargestellt werden, sondern auch auf die möglichen Spätfolgen unbehandelter Schiefhaltungen eingegangen werden. Erst wenn man sich darüber klar ist, wie gewichtig deren Konsequenzen sein können, sucht man nach den Frühformen in der Hoffnung, diese einfacher als die Probleme bei älteren behandeln zu können.

Wie wichtig Symmetrie für die Entwicklung ist, wurde in den letzten Jahren immer deutlicher (vgl. die Monographie zu diesem Thema [18]). Gerade die Verbindung zwischen der frühkindlichen Fehlhaltung und späteren Adaptationsproblemen im Schulalter machen eine gründliche diagnostische Klärung der Frühsymptome so dringlich.

Klinik

Auf der Suche nach der Ursache stießen wir auf die Kopfgelenke als Auslöser bei den meisten Kindern. Der Ausdruck "Kopfgelenke" bezeichnet die Übergangszone zwischen der Schädelbasis und der Halswirbelsäule, also den oberen Nackenbereich. Diese Zone hat eine zentrale Bedeutung für die Koordination von Haltung und Bewegung und damit beim Neugeborenen für das korrekte Erlernen der Bewegungsmuster (vgl. [10]). Störungen in diesem Bereich, die in späteren Jahren zum Beispiel nur einen „verspannten Nacken“ zur Folge haben, können in der Anfangsphase der Entwicklung, d.h. im ersten Lebensjahr, tiefgreifende Fehlentwicklungen der gesamten Sensomotorik zur Folge haben.

Der menschliche Geburtsweg ist durch die einzigartige Beckenkonstruktion infolge unseres aufrechten Ganges  extrem kompliziert und wegen des erst seit „Kurzem“ (d.h. ca. 2 Mio. Jahren) gewachsenen Kopfumfanges noch weiter risikobehaftet [19, 21] . Die obere Halswirbelsäule ist hierbei enormen Verletzungspotentialen ausgesetzt. Diese Kombination aus der Wichtigkeit für die Sensorik und der besonderen Verletzlichkeit bei der Geburt ist die Ursache des KISS-Syndroms.

Das Wissen um das KISS-Syndrom hat sich erst im Laufe der Zeit herauskristallisiert. Zu Anfang standen die Beschwerden und Auffälligkeiten, die praktisch ausschließlich durch Störungen der Funktion der oberen Halswirbelsäule verursacht sind. Hier war die Verbindung am engsten und klarsten.

Dann gibt es  eine zweite Gruppe von Symptomen, die oft, aber nicht immer von der Wirbelsäule ausgehen. Schließlich kam es im Laufe der Zeit immer wieder zu Einzelbeobachtungen, die sich nicht verallgemeinern lassen, die aber interessante Hinweise geben können.

Diese drei Gruppen spiegeln sich auch in der Akzeptanz des Begriffs KISS wider: Es ist relativ breit akzeptiert, daß eine fixierte Schiefhaltung beim Neugeborenen schnell mit manualmedizinischer Behandlung der Halswirbelsäule behandelt werden kann. Daß es sich auch bei Stillproblemen und persistierendem Schreien unklarer Ursache anbietet, zumindest an diese Möglichkeit zu denken, ist schon kontroverser. Daß aber letztlich viele der Jugendlichen, die im Schulalter mit Koordinationsstörungen und Wahrnehmungsproblemen auffallen an den Folgen einer geburtstraumatischen KISS-Problematik leiden (vgl. den Beitrag Kühnen [14]) ruft bei der Mehrheit auch heute noch recht starken Widerspruch hervor....

Die epidemiologischen Erkenntnisse sind an anderem Orte zusammengestellt [4].

Was wir bei den Kindern fanden

Wir waren ausgegangen von den wenigen Kleinkindern die wir anfangs behandeln konnten. Gutmanns Beobachtungen aus den fünfziger und sechziger Jahren [8] waren wenig beachtet worden, und bei Vorträgen zumal mit Kinderneurologen oder Kinderorthopäden wurde einiges an Ablehnung deutlich. Als ich vor über zwanzig Jahren die ersten Kleinkinder behandelte, war das für mich eine ganz neue Welt. Selber hatte ich damals noch keinen Nachwuchs und nun wurden mir die kleinen Dinger in die Hand gegeben. Ich hatte einfach Angst. Angst zu grob zu sein, Angst etwas zu übersehen. Beide Ängste begleiten mich noch heute, und ich bin froh darüber; genauso dankbar, daß bisher noch nie etwas Ernsthaftes passierte und - noch mehr - daß ich noch keine schlimmeren Dinge übersehen habe.

Beides ist nicht garantiert, und man sollte es mit dem Motto des Chirurgen Sauerbruch ernst nehmen, der seinen Assistenten sagte: „An dem Tage, an dem Sie den OP betreten und keine Angst haben, heute einen Fehler zu machen, sollten Sie das Skalpell weglegen"'. Diese Angst begleitete einen, zumal am Anfang beim Vorwärtstasten in einem neuen Gebiet. So kristallisierten sich einige Beschwerdekomplexe heraus, und wir versuchten die Logik dahinter zu begreifen.

Die Untersuchung von Haltungsstörungen und Kopfschmerzen Jugendlicher und bei Schulkindern konfrontierten uns immer mehr mit der Tatsache, daß die eigentlichen Ursachen derartiger Beschwerden viel weiter zurücklagen, als dies der Beginn der Klagen der Kinder vermuten ließ. Wir ließen uns routinemäßig die Fotos aus der Babyzeit zeigen und konnten so bei vielen Schulkindern feststellen, daß diese in den ersten Lebensmonaten eine fixierte Fehlhaltung eingenommen hatten. Weiteres Nachfragen ergab dann oft Hinweise auf andere Symptome einer KISS- Problematik. Nicht zuletzt dadurch waren immer jüngere Kinder untersucht und behandelt worden. Dieses Vorarbeiten zu immer jüngeren Patienten förderte ein Beschwerdemuster zutage, das sich grob in folgende Gruppen gliedern ließ.

Das Hauptsymptom Asymmetrie

Als Ausgangspunkt der Problematik kirstallisierte sich eine schmerzvermeidende Schonhaltung heraus, die - je nach Lage der Irritation - verschiedene Haltungen begünstigte. 

Schiefheit

Bei fast allen Kindern, die wir sahen, lag eine mehr oder weniger ausgeprägte Schiefheit vor. Das konnte nur einen Teil des Körpers betreffen - zum Beispiel einen fixiert schräggehaltenen Kopf- oder sich über den gesamten Organismus erstrecken. Solche Bilder pflegt man C-Skoliose zu nennen, weil die Babies wie ein "C" daliegen.

Auffällig bei diesen Kindern war auch, daß sie dabei noch eine "Schokoladenseite" hatten. Sie benutzten eine Hand mehr als die andere, drehten sich lieber über eine Seite, schliefen auf einer bestimmten Seite etc. Am Anfang war es schwer, ein Muster zu finden. Wenn man gerade mal ein paar Dutzend asymmetrische Babies gesehen hat, kann man noch nicht viel über die Zusammenhänge sagen. Im Laufe der Zeit wurde klarer, daß bestimmte Kombinationen von Auffälligkeiten zusammengehörten:

Ein Kind, das den Kopf nach links geneigt hatte, hielt diesen auch fast immer nach rechts gedreht. War es zu einer Asymmetrie des Schädels gekommen, so war in solchen Fällen das linke Gesicht schwächer entwickelt,

die rechte Wange stärker. Eine Abplattung am Hinterkopf war meist rechts, auch ein kahler Fleck von einseitigem Haarabrieb war dann rechts zu erwarten. Die Arme und Beine wurden meist an de Innenseite des "C" weniger bewegt, aber diese Abhängigkeit war weniger stark Auch die Hüftprobleme fanden sich eher innen im "C", d.h. an der Konkavität der Fehlhaltung. Das kann bis hinunter zu de Füßen gehen, wo man dann einseitig Sichelfußstellung findet.

Viele Kinder sind erst durch die Befund an den Füßen oder durch Asymmetrien an den Gesäßfalten näher untersucht worden Von da aus fand man dann die Einschränkungen der Kopfbeweglichkeit und letzt endlich die Störung an der oberen Halswirbelsäule als Auslöser des Ganzen. So stand die Asymmetrie im weitesten Sinne am Anfang der Erkenntnis. Wie immer wenn man sich intensiv mit einem Problem auseinandersetzt, kommt man mit tieferem Verstehen auch zu mehr und mehreren Ausnahmen, die die Regel bestätigen: wir kennen heute Fälle, die überhaupt keine Seitasymmetrie aufweisen und trotzdem KISS-Fälle sind. 

Fixiertes Überstrecken

Hierzu kommt es, wenn das Ausweichen nicht zur Seite erfolgt,  sondern nach hinten. Diese Babies haben praktisch eine C-Skoliose nach hinten; nur nennt man das definitionsgemäß nicht Skoliose, sondern man spricht von einer Hyperlordose oder Opisthotonie, zu deutsch: einer übermäßigen Rückbeugung des Rumpfes. Bei diesen Kindern berichten die Mütter manchmal spontan, daß sie sie nur an einer Seite stillen können. Diese Kleinen sind oft auch daran zu erkennen, daß sie die meiste Abplattung am Hinterkopf haben, da sie ihren Kopf mit Macht gegen die Unterlage drücken. Nicht selten findet sich aber auf unserer Standard-Röntgenaufnahme kein beeindruckender Befund, da man hier besser die Seitneigung als das nach hinten Gekippte sehen kann. Hier ist es vor allem die Haltung selbst, die schon auf den ersten Blick an die Diagnose denken läßt. Auch hier gilt, daß man nicht vor lauter Wirbelsäule die anderen Ursachen vergessen sollte: es gibt z.B. Infektionen des Hirns und der Hirnhäute, die ähnliche Haltungen verursachen. Doch meist hilft der Verlauf, hier zu unterscheiden.

Diese beiden Grundtypen, die wir als KISS I (fixierte Seitneigung) oder KISS II (Fixierung in Überstreckung) klassifizieren, kommen selten in Reinform vor. Meist sind sie mehr oder weniger kombiniert, wobei der Hauptakzent - Fixierung zur Seite oder nach hinten - die hauptsächliche Klinik vorgibt. Die Details zu diesem Muster sind in [5] beschreiben; Im Folgenden werden einige der wichtigsten Begleitsymptome skizziert.

Über die Asymmetrie hinaus

Reifungsprobleme der Hüftgelenke, oft einseitig.

Eine Glutaealfaltenasymmetrie ist oft der Einstieg in die Diagnose Fehlhaltung. Hier überlagern sich etliche Symptomkomplexe, von einer oft einseitigen Verzögerung der Hüftentwicklung bis hin zu echten Fehlanlagen der Hüftpfanne. Voraussetzung für eine Behandlung über die Wirbelsäule ist hier, daß man andere Ursachen nicht bagatellisiert oder aus dem Auge verliert. Aber auch bei Familien, in denen Hüftprobleme gehäuft vorkommen, lohnt sich eine Untersuchung und Behandlung eventuell gefundener Wirbelsäulenprobleme als Begleitbehandlung. Je nach Schweregrad und Alter bei Entdeckung des Problems ist die funktionelle Behandlung der Wirbelsäulenprobleme ergänzend oder ersetzend zu Spreizwindel oder Abduktionsschiene zu sehen. 

Fehlstellungen der Füßchen bis hin zum Sichelfuß.

 Das sind schon ganz zu Anfang auffällige Zeichen. Auch hier ist die Wirbelsäulenbehandlung nicht Alternative, sondern Ergänzung zu anderen Verfahren. Natürlich ist eine funktionelle Behandlung immer einer passiv wirkenden Therapie vorzuziehen: Es ist schöner und wirksamer, eine gestörte Funktion zu optimieren und dadurch die Fußstellung zu bessern als durch einen Verband oder Gips den Fuß geradezustellen, wenngleich dies manchmal unvermeidlich ist. ähnliches gilt später für die Einlagen (s.u.).

Schlafstörungen, Schreien im Schlaf.

Dies umfaßt eine Fülle von Schwierigkeiten, die den Eltern bei leichteren Fällen oft gar nicht bewußt sind. Im Zeitalter der Einzelkinder fehlt oft der Vergleich, und nicht wenige Eltern berichten erst auf dem Kontrollbogen, daß ihr Kind nach der Behandlung viel ruhiger schlafe. Gerade die Einschlafstörungen sind ganz typisch für KISS-Kinder: "Sie findet gar keine Ruhe im Bettchen" - "Er dreht und wendet sich andauernd und schläft erst ein, wenn er ganz k.o. ist" - Das sind häufige Beschreibungen der Lage durch die Eltern.

Schreikinder

Diese - sehr heterogene - Gruppe sei hier nochmals ganz explizit erwähnt. Je weiter man von der Problematik entfernt ist, desto eher kann man abwarten und darauf vertrauen, daß sich nach dem dritten oder vierten Monat alles gibt. Für den engagierten Betreuer gilt aber die Maxime  Lucassens: ``Ich bin zu beeindruckt von den elterlichen Gefühlen von Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit, ihrer Wut und Angst, ihrem Gefühl daß etwas wirklich nicht in Ordnung ist mit ihrem Kind, als daß ich sie mit diesem seiner Natur nach selbst-limitierenden Problem alleinlassen könnte“ [16]. Bei korrekter Vordiagnostik liegt die Erfolgsrate der Manualmedizin bei diesen Babies bei über 60% in den auf die Behandlung folgenden drei Tagen; eine prospektive Studie in Zusammenarbeit mit der Kinderklinik Hagen ist in Vorbereitung.

  

 "Haare-Raufen", hohe Tastempfindlichkeit des Nackens.

Wie bei etlichen anderen hier erwähnten Symptomen auch muß dies ganz gezielt erfragt werden. Meist berichten es die Eltern erst nachträglich, im Vergleich vorher - nachher fällt ihnen eher etwas auf. Gerade dieses Sich-Wehren-Gegen-Berührung ist auch ein gutes Indiz für erneut aufgetretene Beschwerden, d.h. für eine dann notwendige  Kontrolluntersuchung.

Alle diese Schwierigkeiten müssen nicht von KISS kommen, aber meist ist es so, und KISS zu behandeln, ist in aller Regel die einfachste Methode; so einfach, daß sich oft der Versuch lohnt, auch wenn man sich zu Beginn nicht so ganz sicher ist, daß man auf die richtige Fährte gestoßen war.

Was sonst noch auffiel

Kinder, die (noch) kaum Asymmetriesymptome haben, fallen durch andere, oft nur schwer als wirbelsäulenbedingt einzustufende Beschwerden auf . Dazu gehören zum Beispiel unklare Fieberschübe, Schlaf-Wachstörungen, allgemeine motorische Unruhe.

 Diese Beschwerden sind - es sei hier nochmals betont auch von vielen anderen Ursachen auslösbar. Man sollte erst dann von einer wirbelsäulenbedingten Problematik ausgehen, wenn  andere wahrscheinliche Ursachen ausgeschlossen sind und/oder Symptome ausfindig gemacht werden können, die auf eine Asymmetrieproblematik hindeuten oder wo eine Testbehandlung deutliche Besserung brachte. Gerade der letzte Punkt ist oft die sicherste Basis einer Diagnose; darauf hatte vor vielen Jahren schon einer der Pioniere der Manualtherapie, der tschechische Neurologe Lewit [15], hingewiesen. Aber man kann sich auch darauf nicht ganz verlassen. Wir kennen Fälle, bei denen sich Beschwerden durch manuelle Therapie besserten, obwohl z.B. ein Tumor dahintersteckte[6, 9] . Es ist fast nie so einfach, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint...

Hier geraten wir nun in die Randgebiete. Sie sind, wie immer, nicht ganz präzise abzugrenzen und man muß aufpassen, daß solch eine Beschreibung nicht ausufert, zumal wenn man voll der guten Botschaft ist. Nehmen Sie also die folgenden Verweise auf Symptome als Denkanstoß und nicht etwa als "Beweis" für Zusammenhänge mit KISS in jedem ähnlichen Fall.

Fieber:

Fieberschübe bei Kindern sind immer eine pädiatrische Herausforderung. Man wird immer erst die gängigen Ursachen untersuchen und ausschließen, von Atemwegsinfekten über Nieren- und Blasenentzündungen, Allergien und anderem mehr. Erst dann kann man guten Gewissens daran denken, auch andere Gründe für erhöhte Temperatur in Erwägung zu ziehen.

 Fehlende Veränderungen in den Laborwerten sind ein Anhaltspunkt, im Wesentlichen ist aber erst ein bestmöglicher Ausschluß anderer Ursachen zu fordern. Dann - und nur dann - kann man versuchen, über funktionelle Ansatzpunkte weiterzukommen. Hinweis auf die Halswirbelsäule ist die begleitende Asymmetrie oder andere KISS-Zeichen.

Sabbern:

Viele "Sabberkinder" haben das typische Halstuch um, mit dem die Eltern zu vermeiden versuchen, daß das Hemdchen des Kindes x-mal am Tag gewechselt werden muß, weil es wieder einmal naß ist. Der fehlende Mundschluß kann durch Probleme der Muskelsteuerung in diesem Bereich - und damit auch im Hals-Nackenareal - verursacht und unterhalten werden Dazu kommt dann oft eine zwanghafte Rückbeuge des Kopfes. Bei Babies äußert sich das in einer Haltung "wie ein Flitzebogen nach hinten durchgebogen" - wie eine Mutter das nannte. Bei älteren Kleinkindern, die schon anfangen sich zu vertikalisieren, gibt dann die Brustwirbelsäule entsprechend nach, um überhaupt ein Geradeausschauen zu ermöglichen. Diese Kinder haben dann angeblich eine "schlaffe Haltung".

Schluckbeschwerden:

Für diese gilt ähnliches wie für das Sabbern. Wenn die Koordination im Schlundbereich gestört ist, kann eine Ursache die Verspannung der Halswirbelsäule sein. Hier ist eigentlich nur der Erfolg nach Behandlung Indikator für einen ursächlichen Zusammenhang. Die Kinder kommen fast nie nur deshalb zur Behandlung. Eine Besserung dieser von den Eltern oft als Nebenprobleme empfundenen Störungen wird meist erst im Nachhinein berichtet.

Lautieren und Sprechen:

Spracherlernung ist ohne exakte Kontrolle der Schlundmuskulatur unmöglich. Schon von daher liegt ein Zusammenhang mit Steuerungsproblemen der Halsmuskulatur nahe. Wenn die Begleitzeichen in Richtung Asymmetrie weisen, kann man daran denken, die Halswirbelsäule in therapeutische Überlegungen mit einzubeziehen. Gerade auch in Kombination mit einem schlechten Mundschluß und bei Kindern, die viel sabbern, wird man eher an eine Ursache im Bereich Hals/Schädelbasis denken.

Hier ist es ein bißchen wie bei Schielkindern: wir haben etliche Berichte von Kindern (sie sind meist älter als zwei Jahre), bei denen im Rahmen einer erfolgreichen KISS- Behandlung auch das Sprechen koordinierter wurde, wie auch das Schielen manchmal nachließ. Besonders auffällig ist das bei der Mitbehandlung behinderter Kinder im Schulalter. Für einen "Beweis" sind diese Fälle aber viel zu selten. Wieviel davon auf die direkte Beeinflussung der Sprachmotorik zurückzuführen ist, kann nur schwer von der generellen Verbesserung der Wahrnehmung und damit der Reaktion auf das Wahrgenommene getrennt werden.

Differentialdiagnose

Bei der Suche nach Abgrenzungskriterien weisen die statistischen Auswertungen [4] auf drei anamnestische Details:

-    Querlagen

-    Verzögerte und verlängerte Geburtsvorgänge

-    Verwendung von Geburtshilfen (Saugglocke, Zange)

-    Mehrlingsschwangerschaften

Diese Neugeborenen waren bei den Kindern mit manifester KISS- Problematik drei- bis vierfach überrepräsentiert. In den letzten Jahren wurde auch immer deutlicher, daß es eine familiäre Disposition zu geben scheint: Wir sehen immer mehr, daß bei einer weiteren Schwangerschaft das Risiko einer KISS-Problematik bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern bei über 50% liegt. Nun muß man dies sicher auch vor dem Hintergrund einer gewissen Sensibilisierung und Erwartungshaltung sehen. Andererseits ist die schnelle und durchgreifende Besserung der Beschwerden gerade in der Frühphase (persistierendes Schreien, ``3-Monats-Koliken“) für die Eltern eine große Erleichterung und nur schwer über Suggestionsmechanismen erklärbar, wie dies immer wieder insinuiert wird. Bei Neugeborenen mit intrauteriner Schieflage (das entspricht dem bekannten ``Schräglagesyndrom“) fällt die Asymmetrie oft schon unmittelbar nach der Geburt auf. Bei Kindern, bei denen die geburtstraumatische Genese im Vordergrund steht treten die Symptome typischerweise erst nach vier bis sechs Wochen auf und werden in der Regel bei der U3 oder U4 notiert.

Für den Nicht-Fachmann ist die Überprüfung der Kopfbeweglichkeit und der (Hyper-)Sensibilität des Nackens sicher die einfachste Methode. So kann man sich schnell einen ersten Eindruck verschaffen, ob es Sinn macht, den Verdacht einer funktionellen vertebragenen Störung weiterzuverfolgen. Wie man dann vorgeht hängt von den lokalen Gegebenheiten ab: die eine wird eine entsprechend ausgebildete Physiotherapeutin zuziehen, der andere gleich das Baby einem Manualmediziner vorstellen können. Es gibt auch therapeutisch mehrere Wege zu Ziel: man kann sich bei blanden Fällen anfangs auf Handling beschränken, das Bettchen anders stellen, bei Füttern die schwächere Seite stimulieren etc. Wenn dies nicht ausreicht, können physiotherapeutische Methoden à la Bobath, Vojta o.ä. empfohlen werden. Schließlich - und vor allem bei massivem Schreien und ähnlich akuten Beschwerdebildern - ist die manualmedizinische Behandlung die Methode der Wahl, da am schnellsten und effektivsten wirksam.

Das klinische Bild des unbehandelten KISS-Syndroms durchläuft in der Regel vier Stadien:

1.  Unspezifisches Vorstadium mit Symptomen vegetativer Irritation und Dysphorie: Schreikinder, 3-Monats-Koliken u.ä (post partum bis ca. 3. Monat).

2.  Asymmetriesymptomatik dominiert von der Erlangung der Kopfkontrolle bis zur Vertikalisierung (3-12 Monat).

3.  Symptomarmes bzw. -freies Intervall zwischen der Vertikalisierung und dem 4. bis 5. Geburtstag

4.  Zeichen der Dysgnosie und Dyspraxie (sensomotrische Störungen) im Sinne des KIDD-Syndroms (Kopfgelenk- induzierte Dysgnosie und Dysphorie[3]).

Die Kenntnis der Frühstadien der sensomotorischen Störungen im Schulalter, die uns vor so große therapeutische Probleme stellen und mit einer Vielzahl von Begriffen belegt sind (MCD, POS, ADS ...) eröffnet die Chance einer Früherkennung und damit einer ungleich wirksameren und unaufwendigen Therapie. Diejenigen, die als Hebammen ganz am Anfang stehen, können hier auf feine Zeichen asymmetrischer Entwicklung aufmerksam machen, die zu diesem Zeitpunkt gar nicht behandelt werden müssen, aber für spätere Kontrolle sensibilisieren.

Behandlung

Die manualmedizinische Behandlung wird durch die Erhebung der Anamnese, eine obligate Röntgenuntersuchung der Halswirbelsäule und die funktionelle Diagnostik mit segmentaler Untersuchung vorbereitet. Die Technik selbst besteht in der Regel in einem moderaten seitlichen Impuls im Bereich der ersten drei Cervicalsegmente [13]. Bei den von unserer Arbeitsgruppe überblickten Behandlungen von Kleinkindern (über 10.000 Kinder unter 24 Monaten in den letzten 20 Jahren) kam es zu keiner ernsthaften Komplikation über gelegentliches Erbrechen oder kurzen und spontan reversiblen Blutdruckabfall [12]. Bei den in der Literatur berichteten Komplikationen (z.B. [7]) handelte es sich um Rotationsgriffe und/oder mehrere Behandlungen  in kurzer zeitlicher Abfolge. Wir raten unbedingt zu sparsamster Handhabung der Manualtherapie bei Kleinkindern. Fast immer genügt eine einzige Behandlung (85% der Fälle [4]). Ein Mindestabstand von sechs Wochen zwischen zwei Behandlungen - so sie denn indiziert erscheinen - sollte eingehalten werden. Drei Wochen nach Therapie kann dann der Effekt beurteilt werden. Bei ca. einem Drittel der Kinder muß mit anderen Verfahren weiterbehandelt werden, in der Regel physiotherapeutisch.

 

Ausblick

Das Behandeln der kleinen KISS-Kinder macht klar, daß man nicht im luftleeren Raum arbeitet, sondern ganz entscheidend auf die Kooperation der Kollegen angewiesen ist, seien es Geburtshelfer und Hebammen, Kinderärzte und Kinderorthopäden oder auch KrankengymnastInnen, Kindergärtnerinnen oder GrundschullehrerInnen. Diese müssen erst einmal auf die Idee kommen, daß ein sie beschäftigendes Problem mit Funktionsstörungen der Wirbelsäule zusammenhängen könnte.  Gerade bei den ganz kleinen Kindern ist das oft nicht so trivial, wie man am grünen Tisch sitzend meinen könnte.

-    Wie viele Babies schreien stunden- und tagelang, ohne daß man ihnen helfen kann?

-    Wieviele Eltern verzweifeln dabei, neben solch einem kleinen Wicht zu sitzen und keine Idee zu haben, wie man ihm helfen könnte?

-    Wie viele Kinder haben die berühmt berüchtigten "Dreimonatskoliken", bei denen den Eltern auch nicht viel zur Hilfe an die Hand gegeben wird? 

All diese Kinder sollten zumindest auf wirbelsäulenbedingte Probleme hin untersucht werden.

Das Abtasten des Halses, die Prüfung der Drehfähigkeit des Kopfes nach links und rechts sind keine Geheimwissenschaft. Wenn man hier Auffälliges bemerkt hat, zieht man einen Spezialisten hinzu.  Von hier aus

haben sich diejenigen, die mit Babies und Kleinkindern zu tun haben, weiter vorgearbeitet. Eigentlich sollte man besser "zurückgearbeitet" sagen, da man vom Symptom "Asymmetrie" aus auf dessen Vorläufer aufmerksam wurde. Reverse engineering nennt man das auf Englisch: Man schaut sich eine Maschine oder eine Situation an und versucht zurückzuverfolgen, woher das Ganze kam, wie die Maschine konzipiert ist. Ein Großteil unserer medizinischen Erkenntnis ist so gesammelt worden.  So auch bei KISS: nachdem wir wußten, daß viele Schreikinder auch schief waren, schaute man sich Schreikinder, die auf den ersten Blick kaum durch Schiefheit aufgefallen waren, daraufhin genauer an.

Mit jedem Kind, das wir sehen, wird die Neugierde größer. Ich erinnere mich an Kinder, bei denen sich eine Neurodermitis schlagartig besserte, bei denen ein Strabismus in wenigen Tagen deutlich geringer wurde..

Wahrscheinlich fährt man um besten, wenn man das in die Kategorie "Zufall" einsortiert. Derartige Fälle, bei denen nicht-wirbelsäulenabhängige Krankheitsbilder gebessert werden konnten, sollten nicht zu überschießenden Vermutungen mißbraucht werden, aber sie geben zu denken. Ist es die Entspannung der vegetativen Reaktionslage, die Beeinflussung der koordinativen ``Grundparameter“ die hier eine Rolle spielen?

Noch kann man nur spekulieren. Wenn wir einmal so weit sind, daß die Untersuchung und Behandlung der HWS-Probleme zum Standardrepertoire der Kinderärzte gehören, wird man hier die Indikation für eine Behandlung großzügiger fassen - und einen besseren Überblick über die Auswirkungen in derartigen Fällen gewinnen.

Bibliographie

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