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Rückblicke

 

 

Rückblick Kongress Bochum Mai 2005

EWMM-Kongress erfolgreich abgeschlossen

Bericht vom Jahreskongress der European Workgroup for Manual Medicine (EWMM) an der Ruhruniversität Bochum am 20. und 21. Mai 2005.

Thomas Bartels, Physiotherapeut
mail@therapieforum.com

Vom Zähneknirschen, Kopfschmerzen und Tauben…

Am 20. und 21. Mai veranstaltete die EWMM (European Workgroup for Manual Medicine) ihren diesjährigen Kongress an der Ruhruniversität Bochum. Abweichend zu den Vorjahren lag der Schwerpunkt dieses Mal nicht auf dem pädiatrischen Feld, sondern auf einem Themenkomplex, der derzeit auch in der manuellen Medizin zunehmend an Bedeutung gewinnt: Der Interdependenz von HWS und Kau-Kieferapparat und den sich daraus ergebenden Konsequenzen für die interdisziplinäre Therapie cervicomandibulärer Störungen. Wie immer wurde den zahlreich erschienenen Zuhörern ein breit gefächertes Programm geboten.

Den Auftakt bildeten Prof. Radlanski aus Berlin sowie Prof. Fanghänel aus Greifswald, die in einem gut aufgebauten Vortragsblock die embryologische Entwicklung sowie die anatomischen Besonderheiten des Kiefergelenks beleuchteten. Es wurde deutlich, dass die pränatale Entwicklung im Detail noch relativ ungeklärt ist. Für spätere Funktionsstörungen relevant könnte die pränatale Entwicklung des Gelenkknorpels sein, der sich über "mesenchymale Einreißungen" verbreitet, die zum Teil noch im erwachsenen Gelenk zu finden sind und eine mögliche Ursache für Störungen der Diskusmobilität darstellen können.

In der topographischen Betrachtung des Kau-Kieferapparates wurde noch einmal die besondere Nähe dieser Region zu zentralen Strukturen wie u.a. Hirnnerven, Ohr und Gleichgewichtsorgan deutlich. Diese findet sich auch in der neuromuskulären Steuerung wieder, in welcher das übergeordnete Kauzentrum im Bereich des Hirnstamms, der sensomotorische Kortex sowie die Basalganglien die propriozeptiven Afferenzen aus der äußerst sensiblen Kau-Kieferregion verarbeiten.
Für manualtherapeutische Behandlungsansätze bedeutsam sind auch die efferenten Signalwege: Die Verschaltung der zentralen Bewegungsimpulse erfolgt sowohl über Hirnnerven als auch über die Cervikalsegmente 1 bis 8.

Prof. Lazarov aus Bulgarien widmete sich in seinem Vortrag der Topographie und Entwicklung des N. trigeminus. Dies tat auch Prof. Güntürkün aus Bochum, allerdings aus der Sicht der Tauben. In einem äußerst unterhaltsamen Vortrag, der mit zahlreichen Missverständnissen insbesondere in Bezug auf die Lernfähigkeit der gemeinen Taube aufräumte, legte er da, dass bei dieser Spezies das trigeminale System den ansonsten verbindlichen Bauplan des Zentralnervensystems missachtet und eine direkte Projektionsbahn zum Vorderhirn ausbildet. Ein weiteres Indiz für die überragende funktionale Bedeutung des N. trigeminus.

Weitere Grundlagenreferate hielten Howard Vernon, Chiroprak- Dozent aus Toronto (Kanada - Craniomandibuläre Schmerzmechanismen) sowie Prof. Michaelis aus Tübingen (Strukturierung neuronaler Netzwerke).
Dr. Biedermann schlug in seinem Vortrag über die klinischen Aspekte des cervico-mandbulären Verbundes die Brücke zur Praxis. Erika Nehlsen konnte aus ihrer Praxis als Laktationsberaterin über beobachtete Zusammenhänge zwischen (hoch)zervikaler und orofazialer Region im funktionellen Komplex des Stillens berichten.
Breiten Raum nahm die Präsentation und Diskussion der Ergebnisse klinischer und experimenteller Studien zum Thema ein. Dies ist unter Berücksichtigung der besonderen methodischen Schwierigkeiten, vor denen die manual-medizinische Forschung grundsätzlich steht, besonders erfreulich.
Dr. Korbmacher und Dr. Koch stellten die vorläufigen Ergebnisse einer Studie zur Korrelation von Funktionsstörungen der Kopfgelenke (KISS) sowie des Kau-Kieferapparates bei Kindern dar. Hier sind Zusammenhänge als Tendenz deutlich erkennbar, jedoch ist überwiegend keine statistische Signifikanz gegeben.
Dem selben Thema widmete sich Dr. Fink, Hannover, der das gehäufte Auftreten von Funktionsstörungen der Halswirbelsäule bei Patienten mit bekannter cranio-mandibulärer Dysfunktion für einen Teil der Patientengruppe mit Evidenz belegen konnte. Den "Rückweg", also die cranio-mandibuläre Dysfunktion als Folge einer Problematik der hochzervikalen Region untersuchte Harry von Pieckartz, Physiotherapeut aus Ootmarsum, Niederlande, mit ähnlichen Ergebnissen.
Frau Ammeling, Kieferorthopädin aus Lünen, konnte diese Zusammenhänge eindrucksvoll anhand von klinischen Fallbeispielen aus ihrer Praxis darstellen.
Dr. Sacher erweiterte in seiner Arbeit zu kombinierten Dysplasien bei Zahn-Nichtanlagen das untersuchte Feld und regte somit an, den Blick bei dieser Patientengruppe auch auf die Becken-Hüft-Region zu lenken.
Die Veranstaltung machte insgesamt deutlich, dass die in der Praxis insbesondere von Manualtherapeuten/-medizinern sowie Kieferorthopäden immer wieder beobachteten Zusammenhängen zwischen dem Kau-Kieferapparat und dem (oberen) Achsenorgan durch die differenzierte Betrachtung von Entwicklung, Anatomie und Neurophysiologie durchaus erklärbar sind. Auch die hohe Prävalenz von kombinierten Störungen innerhalb dieses funktionellen Verbundes kann bereits für Teilbereiche als belegt angesehen werden. Hier bedarf es allerdings noch weiterer Forschungsarbeit, um dem Thema im Zeitalter evidenzbasierter Medizin mehr Gewicht zu verleihen. Für den mit derart betroffenen Patienten arbeitenden Kliniker gleich welcher Profession ergibt sich jedoch bereits jetzt die zwingende Notwendigkeit, die Probleme fachübergreifend zu betrachten und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu suchen.
Ein äußerst informativer und vielschichtiger Kongress, der auch durch die eigens für die Teilnehmer auf dem tristen Campus der Ruhruniversität errichte Currywurstbude zu einer lohnenswerten Reise wurde.

Die Abstracts können Sie hier herunterladen
(PDF-Datei)


 

 

 

 

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