Logo EWMM
transparentHomeSiteBalkenThemenBalkenTermineBalkenBibliographieBalkenLinksBalkenKontaktBalkenSuchen

transparent

Veranstaltungen:
Rückblicke

 

 

Rückblick Workshop Antwerpen 2009

24. EWMM Workshop 19./20.Juni 2009 -
Jahrestreffen Antwerpen:

Zusammenfassung von
Marcel Butti (Zürich) und Nikolaj Bottek (Bochum)

1. Röntgenkasuistiken von Heiner Biedermann:
Biedermann berichtete zum Einstimmen über einige Fälle der letzten Wochen, wo zum Beispiel eine besonders schwer zu interpretierende Klinik bei muskulösen Trainierten vorlag. Die Fehlhaltungen - zum Teil kompensiert - werden erst im Röntgen als krasse Befunde deutlich und erfordern dann ein ganz anderes Vorgehen, als der erste Eindruck "robuster Patient" nahegelegt hätte.
Wichtig, die Befunde dem Patienten gegenüber nicht pejorativ beschreiben ("Sie werden im Rollstuhl landen" oder so).
Ich nehme mir vor, wieder mehr zu röntgen vor dem Manipulieren.

Heiner Biedermann

2. Lutz Koch stellt das Studiendesign einer prospektiven Multicenterstudie über lagebedingte Plagiozephalie bei Säuglingen vor:
Seit der Vermeidung der Bauchlage konnte der SID (sudden infant death) um 2/3 der Fälle reduziert werden. Allerdings, wie in der Diskussion bemerkt, nur statistischer Zusammenhang, noch kein eindeutiger Beweis für Kausalität.
Seither Zunahme von Schiefköpfen (nicht synostotische Plagiozephalie). Im ersten Lebensjahr noch recht gut verformbar, ab 12 Monaten nicht mehr stark verschieblich.
Mögliche Spätfolgen: sensomotorische kognitive Dysfunktionen mit Teilleistungs- Störungen, sozialer oder orthopädischer Dysbalance.
Diagnostik: verschiedene Methoden, nicht ganz einfach.
Bedingung zur Aufnahme in die Studie: nur lagebedingte Plagiozephlie, keine andern Ursachen.
Studienarme: 20 Fälle in jedem Arm, 1 Jahr beobachtet.
- keine Therapie
- aktive Reizverstärkung
- Physiotherapie
- Manuelle Therapie (ärztliche)
- Osteopathie
- Helm
Diskussion: Skepsis
Hauptkritik: zu kurze Bebachtungsdauer, zu wenige Fälle. Gefahr, dass der Helm-Arm so einen Vorteil hat. Die manuelle Behandlung braucht länger Zeit, bis man einen Erfolg sieht und den von uns behaupteten Vorteil als kausale Therapie zeigen kann. Die Symmetrisierung des Kopfes sollte kein Therapieziel an sich sein, ist dies doch nur eine symptomatische Änderung. Kausal für die geschilderten Probleme dürften die funktionellen Schwierigkeiten sein, die durch ‚Rund-Drücken' des Schädels nicht beeinflusst werden können.

Lutz Koch

3. H. Kühnen: ADHD: medikamentöse Behandlung unter Berücksichtigung der familiären Situation
Anhand der ausführlichen Geschichte von Louis, einem ihrer Patienten, machte Frau
Kühnen deutlich, wie sie familiäre Zusammenhänge wahrnimmt. Einige Stichworte dazu: Kinder, die sehr verwöhnt werden, tendieren dazu, keine eigenen Emotionen zu entwickeln, keine eigene Subjektivität, weil sie immer andere Erwartungen erfüllen sollen, so war die Mutter des Patienten, der Vater war gar nie verwöhnt worden, keine Zuwendung bekommen, das gibt ein spezielles Paar, Konflikte einprogrammiert. Louis hatte eine eindrückliche Pathologie, Asthma, Epilepsie, Schlafstörungen, die entsprechenden Medikamente.
Therapie passiert in der Verbindung von Nervensystemen (von Arzt und Patient)
Die Wahrnehmung der Referentin wurde eindrücklich spürbar.

H. Kühnen

4. T. Teuchert-Noodt: Lernen, Intelligenz und Moral: Korrelate auf cerebraler Ebene
Die 3 Begriffe im Titel bezeichneten den Höhepunkt der menschlichen Entwicklung: intelligentes Lernen, vernunftbezogene Intelligenz, Moral.
Es folgte ein Rückblick auf die Phylogenese des Gehirns. Beim Menschen ist schließlich das Stirnhirn stark gewachsen (Raum-Zeit Bewusstsein; Moral). In der Ontogenese erfolgt diese Ausreifung erst spät, bis 20. Lebensjahr.
Darstellung des Gehirns als großen Schaltkreis mit dem Hippocampus im Zentrum.
Begriff der Balance zwischen Arealen, wichtig für Ausreifung. Es folgte ein kleiner
Rundgang bei den früheren Forschern und deren bis heute nachwirkenden Konzepten:
" Piaget, 1970, ontogenetische Rekapitulation (der Phylogenese),
" Hebb, 1949, synaptische Plastizität durch Reizverstärkung im Cortex,
" Wolff 1984, Reorganisation/Kompensation.
Danach Konzept über die Korrelate: Darstellung eines komplexen Systems, eben eines großen "Schaltkreises". Nicht einfache anatomische Zuordnung, höhere Leistungen wie Moral z.B. entstehen in der Kommunikation zwischen Neuronen.
Zum Nachlesen: PDF-Datei

Teuchert-Noodt


5. A. Roden: Humor und Gehirn
Weltweit ca. 600 Humorforscher, davon etwa 30 neurophysiologisch orientierte. Der Referent berief sich z.T. auf ähnliche Quellen wie die Vorrednerin, brachte einige Beispiele, die natürlich alle zum Lachen brachten. Auch hier kam Ähnliches zutage, es gibt wahrscheinlich kein "Humorzentrum".
Humor ist ein Phänomen von verschiedenen neuronalen Interaktionen. Große kulturelle Unterschiede, aber auch seltsame Gemeinsamkeiten über Kontinente hinweg. Soziale Funktion. "Further studies have to be done".

Nach dem abendlichen gemeinsamen Essen, das durch die angeregten Diskussionen ebenso gewürzt wurde wie durch die Köstlichkeit des Gebotenen, waren alle gestärkt am Samstagmorgen überraschend pünktlich eingetroffen.

Roden

6. Biedermann & J. Schubert: "Nexus: Therapeutisches Konzept und pathophysiologische Überlegungen"
Nach den Erfahrungen und Erkenntnissen der Manualtherapie bei Erwachsenen sind viele Probleme kopfgelenksinduziert oder zumindest begleitet von Spannungszuständen der Nackenmuskulatur. Diese Hypertonie wird als fehlgeleiteter Schutzreflex gedeutet, der eine wichtige Rolle im Spannungsfeld "Psyche-Orofacium-HWS" spielt. Dementsprechend existieren viele Konzepte, auf diese Hypertonie therapeutisch einzuwirken.

Das Nexus-Kissen sorgt für eine Traktion der Nackenmuskulatur und stellt eine einfache Möglichkeit der Selbst-Behandlung nach Maßgaben des Therapeuten dar. In der Vergangenheit wurden immer wieder Geräte und Vorrichtungen entwickelt, die sich aber allesamt als unbrauchbar in der täglichen Anwendung erwiesen haben. Meistens wird Traktion an den falschen Stellen erzeugt (so bei den meisten moderneren Vorrichtungen) oder aber die Geräte sind viel zu unhandlich (Vgl. die verschiedenen Versuche, den Glisson-Apparat weiterzuentwickeln). Das Nexus-Kissen versucht, die Schwerkraft des liegenden Kopfes so umzulenken, dass dadurch eine gleichmäßige Traktion erreicht wird. Der anfänglich sehr feste Hartschaumstoff des Kissens wurde inzwischen durch zwei deutlich weichere Versionen ersetzt.
Inzwischen liegen erste Erfahrungen mit der Behandlung vor, über die Biedermann, Schubert (Bochum), Lucius (CH) sowie Phlix (Hasselt, NL) eine ermutigende Übersicht gaben.
Zwar lassen sich aufgrund der bislang noch zu niedrigen Fallzahlen (insgesamt ca. 150 Patienten) keine endgültigen Aussagen treffen, aber etwa 70% der Patienten, die das Nexus-Kissen zum Eigentraining mit nach Hause bekamen, waren mit dem Behandlungserfolg durchaus zufrieden bis sehr zufrieden. Über Probleme oder Nebenwirkungen wurde nichts bekannt.
Als sinnvolle Indikationen wurden u. a. CMD mit myofaszialen Schmerzen, deg. HWS-Leiden oder diverse Formen von Cephalgien genannt.

7. G. Fröhlich "Informationsvorenthaltung in der wissenschaftlichen Kommunikation"
Ausgehend von seinen Gewährsleuten K. Popper, Robert K. Merton u. a. schilderte Fröhlich (Linz, A) die Auswüchse der wachsenden Informationsflut im wissenschaftlichen Alltag. Die im öffentlichen Wissenschaftssektor grassierende Informationsverdrossenheit führe zu einer betäubten Haltung, in der die Aufnahme von Information Züge eines Drogenkonsums aufweise (Einwurf H. B.: man sei neu_gierig_). Zurückgreifend auf ein Modell Piagets wurde aufgezeigt, wie Informationen oft nur noch "drum herum" um das eigentliche Thema aufgenommen werden. Fröhlich stellte anschaulich anhand verschiedener Arbeiten dar, wie man sich innerhalb des heutigen Wissenschaftsbetriebs "rührend hilflos stellt, um möglichst nichts zu sagen" (so auf Kongressen, in Publikation oder im täglichen Arbeitsumfeld). Das gesamte Niveau des wissenschaftlichen Arbeitens könnte dagegen gehoben werden, wenn sinnvolle Formen temporärer Infoaskese gelebt würden und basale Grundsätze der Kommunikation angewendet würden.
So plädierte Fröhlich für erweiterte Dreifachblindverfahren, die den Gutachterprozess des Peer-Reviewing einschließen, für Forschungsregister, die verhindern, dass unliebsame Forschungsergebnisse in der Versenkung verschwinden, sowie für den freien Zugang zu Ergebnissen im Gegensatz zum herrschenden closed-acces der aktuellen Publikationen. Der Referent führte aus, dass eine Statusaufwertung von systematischen Informationsrecherchen und Übersichtsarbeiten genauso nötig sei, wie eine Erhöhung der Informationswissenschaftlichen Kompetenzen bei allen Beteiligten des Publikationsprozesses, ggf. bis hin zu einer Art "Psychotraining", um Kritikfähigkeit auszubilden. Der Aufruf zu einer fehlerfreundlichen Wissenschaftskultur schloss den konstruktiven Vortrag ab und leitete über zu einer angeregten Diskussion.
Zum Nachlesen: siehe unten

Prof. Fröhling

8. C. Schlatter-Gentinetta "Dissonanzen der Evidenz- ...oder eine Seilbahnfahrt über die Abgründe der Medizin"
Einen weiteren kurzweiligen Beitrag lieferte das Ehepaar Schlatter-Gentinetta (CH), in dem sie versuchten, durch kritische Reflexion des eigenen medizinischen Standpunktes ein vorherrschendes "Schwarzweißbild der Medizin" zu korrigieren.
Auf der historischen Reise des ärztlichen Blickes auf die Patienten wurde erläutert, wie sich die Rahmenbedingungen und die Reaktionen darauf entwickelten. Es wurde das Bild einer "Seilfahrt über Abgründe" gewählt, das in einem preisgekrönten Kurzfilm von Gentinetta ("Die Seilbahn" 2008) anschaulich umgesetzt wurde. Passend dazu wurde der Film vorgeführt.
Zurückgreifend auf Luhmann, teils Bourdieu, Nietzsche und Derrida wurde eine Einordnung vorgenommen in einen analytischen, einen performativen und schlussendlich einen proliferativen Blick der Ärzte auf ihre Patienten. Zwar waren diese Ansätze mitreißend, doch entzündeten sich Diskussionen vor allem an der etwas eklektischen Auswahl von Argumenten für die einzelnen Thesen. Trotz zahlreicher Verweise auf den Film während des Vortrags blieb darüber hinaus die Analogie mit der Seilbahnfahrt thematisch etwas rätselhaft.
Den Abschluss der Präsentation bildete der Wunsch, im Umgang mit den Patienten ohne jede Tabus ungewisse Ziele akzeptieren zu lernen. Mit Heidegger sei gefordert, den "Raum der eigenen Ziele zum Fragwürdigsten zu machen".

9. Agnes Mordt "What are the characteristics of infants with KISS"?
Während der letzten 10 Jahre hat das Interesse norwegischer Therapeuten und Kinderärzte an KISS und seiner Behandlung stark zugenommen, wie uns die aus Norwegen angereiste A. Mordt anschaulich berichten konnte. Nachdem die phänotypischen Grundlagen von KISS I und II dargestellt wurden, berichtete sie von einer klinischen Studie, die sich im Prozess der Publikation befindet ("An intertester reliability study of manual therapy classification of infants with KISS"). Die Diagnose und Therapie von KISS seien klinisch gut fundiert, doch nach wie vor bestehe ein großer Nachholbedarf an experimental-wissenschaftlichen Erkenntnissen, so die Referentin.

10. E. Saedt: "Bericht über einen kindlichen Todesfall im Rahmen einer unzertifizierten kraniosakralen Therapiesitzung"
Im vergangenen Jahr ereignete sich in Nijmegen (NL) ein tragischer Todesfall im Zusammenhang mit einer physiotherapieähnlichen sog. "kraniosakralen Therapiesitzung", der begreiflicherweise weitgreifende Diskussionen über Sinn und Nutzen manueller Therapien bei kleinen Kindern losgetreten hat. Eric Saedt berichtete über die tatsächlichen Hintergründe des Vorfalls, soweit sie während des laufenden Verfahrens bekannt gemacht wurden, und die in der Hitze mancher medialen Wortgefechte unbeachtet geblieben sind. Hierbei wurde deutlich, wie schwierig die Interpretation der bisher vorliegenden Informationen ist, zumal - soweit das aus der Veröffentlichung hervorgeht - der beteiligte Physiotherapeut nicht in die Aufklärung des Falles integriert war.

Teilnehmer
Unsere Gruppe


Zwei Texte zur wissenschaftsintern verursachten/motivierten Infovorenthaltung Weitere Texte (Infoverdrossenheit, extern verursachte Info-Vorenthaltung) sind noch im Werden

a) Eher populärwissenschaftlich:
2000, Gerhard Fröhlich, "Information als Mangelware?" heureka! 2/00
Beruf: Wissenschaft http://www.falter.at/web/heureka/archiv/00_2/11.php

b) Eher informationswissenschaftlich:
1998, Gerhard Fröhlich, Optimale Informationsvorenthaltung als Strategem
wissenschaftlicher Kommunikation, in: Harald H. Zimmermann / Volker
Schramm (Hg.), Knowledge Management und Kommunikationssysteme.
Proceedings des 6. Internationalen Symposiums für
Informationswissenschaft (ISI '98), Prag, 3. - 7. November 1998.
Konstanz: UVK Universitätsverlag,
ISBN 3-87940-653-7, 535-549
http://eprints.rclis.org/archive/00008496/

a. Univ. Prof. Dr. Gerhard Fröhlich
Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie
Johannes Kepler Universität Linz
Freistädterstr. 315/I
A-4040 Linz
gerhard.froehlich@jku.at
http://www.iwp.jku.at/froehlich
http://www.iwp.jku.at/openaccess/

Gerhard Fröhlich (2008):
Wissenschaftskommunikation und ihre Dysfunktionen:
Wissenschaftsjournale, Peer Review, Impact Faktoren, in: Holger Hettwer
et al. (Hg.): WissensWelten. Gütersloh: Verlag der Bertelsmann Stiftung,
ISBN 978-3-89204-914-2, 64-80

 

 

 

 

Grafik unten