Auf Abstand sieht man manches klarer – ADHD & Philosophie

Wenn man – wir wir – jeden Tag mit Eltern und Therapeuten das Thema ‚Schulschwierigkeiten‘ oder ‚Erziehnungsprobleme‘ diskutiert kann man viel über sich undseine Zunft lernen. Im Biotop ‚Medizin‘ ist momentan die angesagte Erklärung für diese Probleme ein zu niedriger Dopaminspiegel. Den muß man halt ausgleichen, dann ist alles in Ordnung. Vergessen wird dabei oft, dass die Verteidiger dieses Modells ursprünglich mal angetreten waren mit der Idee, einen kurzen Mangelzustand zu überbrücken. Das solllte nach Wochen, maximal Monaten erledigt sein.

Inzwischen sieht man ganze Kohorten junger Menschen, die Jahre – fast möchte man sagen: Jahrzehnte – Amphetaminderivate verschrieben bekamen. Wir werden eines Tages dieses Massen-‚Experiment‘ analysieren und kritisieren können. Nur eine Minderheit von Ärzten stemmt sich gegen den Zeitgeist und hat es damit nicht einfach. Das hängt auch damit zusammen, dass es der Pharmaindustrie gelungen ist, im kolletiven Bewußtsein die Doppel-Blindstudie als Goldstandard allen medizinischen Wissens zu etablieren. Dass damit alles, was interaktiv ist und/oder langfristig wirkt, hinten runter fällt steht außer Frage. Immer wieder wird dieser Ansatz natürlich von der lästigen Realität ad absurdum geführt. Das wird dann im konkreten Fall zugegeben, aber man verweigert die eigentlich viel wichtigere Erkenntnis, dass solch eine Verengung des Blickwinkels zu grundsätzlich falschen Ergebnissen führen muß.

Deshalb ist es fast unabdingbar, über den Tellerrand der Medizin rauszusehen, will man für die ‚großen‘ Probleme echte Lösungsansätze finden. Dazu hat man ja auch diejenigen  Wissenschaften, die sich mit solch komplexen Dingen befassen, nämlich die Philosophie und die Schriftsteller. Es gibt selbstverständlich große Überschneidungen zwischen Medizinern, Psychologen, Philosophen und schließlich den Belletristen. Je weiter wir uns aber vom Tagesgeschäft der ärztlichen Praxis fortbewegen desto größer die Chance, einen Überblick zu gewinnen. Wir sind gut beraten als Ärzte, hinzuhören, wenn sich diese Zünfte zu uns auf den Nägeln brennenden Themen äußern. Bevor man – was oft genung geschieht – jemanden lächerlich macht, weil er/sie keine ‚harten Daten‘ präsentieren kann, sollte mach sich überlegen, ob die vorgetragenen Argumente aus dem diagnostischen und therapeutischen Labyrinth heraushelfen können.

Ein solcher Ansatz – und noch dazu ziemlich nahe an der nachprüfbaren Wissenschaft – ist in einem Artikel zu finden, der mir kürzlich unterkam (hier). Ahrbeck arbeitet an der philosophischen Fakultät der Humboldt- Universität im Institut für Rehabilitationswissenschaften (interessanter Titel, gell!).
Ein zweiter, eher wissenschaftlicher Aufsatz von ihm findet sich (hier) – Fazit kurz&knapp: schaut euch die Gesellschaft und ihren hektischen Medienkonsum an!

Richard DeGrandpre hatte schon vor Jahren in mehreren Veröffentlichungen ähnlich argumentiert (z.B.Richard DeGrandpre: Die Ritalin-Gesellschaft).

Ein Thema der Komplexität von ADHD, bei dem es ja auch und vor allem um artgerechte Menschenhaltung geht und um Kinder und deren Reaktionen&Verhalten als Frühwarnsysteme, wird wohl nicht dadurch anzugehen sein, dass man immer weiter runtersteigt und in der (Bio-)Chemie nach Lösungen sucht, sondern eher, indem man hoch geht und vom Überblick der Philosophie aus schaut. Philo-sophie ist wörtlich ja: ‚die Liebe zu Wissen/Erkenntnis‘ oder, wie es das etymologische Lexikon formuliert: „die Wissenschaft von den allgemeinen Entwicklungsgesetzen der Natur … und der Stellung des Menschen in der Welt“ – paßt schon, würde Frank Beckenbauer sagen.

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