Basis der Pharmakotherapie defizitär

Wenn andere etwas besser dastellen, als man das selber gerade kann, gibt man ihnen doch gerne eine Möglichkeit, das auch zu tun. Zumal, wenn uns dies Gelegenheit verschafft, für eine verdienstvolle Publikation Werbung zu machen – die pharma-kritik. Bruno Maggi hat mich auf deren aktuelles Editorial hingewiesen, und ich gebe dies hier gerne weiter (siehe hier). Und es stände nicht hier, wenn es nichts anzumerken gäbe…

Auch und gerade wir Manualmediziner sind da gefordert. Weder bei den Profis, noch bei den Patienten ist das Bewußtsein für die Wichtigkeit funktioneller Störungen auch nur annäherungsweise entwickelt. Nur eine Minderheit arbeitet aktiv mit diesem Konzept. das sich bei uns seit Jahrzehnten praktisch bewährt hat. Für die allermeisten gilt die Gleichung:

Beschwerden des Patienten -> Laboruntersuchung/bildgebende Verfahren -> Medikament.

Patho-Morphologie bzw. in diesen Kontext abbildbare Abweichungen von der postulierten Normalität gelten dann als letzliche Ursache der Krankheit. Die gestörte Funktion ist da maximal Transmissionselement, Funktionsanalyse Nebensache.

Funktionsanalyse ist nicht nur mühsam, sondern auch extrem Einzelfall- orientiert. Das kann kein Doppel-Blindversuch abbilden, und damit ist man dann schnell ganz weit draußen im Kalten, wie ja etliche Kollegen in den letzen Monaten bei gerichtlichen Auseinandersetzungen leidvoll erfahren mußten. Dass deutsche Juristen das nicht besser wissen sei ihnen nachgesehen, aber dass unsere Standesvertretungen da aktiv mitmachen ist nicht sehr nett, um das mal ganz vorsichtig zu formulieren. Wenn man unser therapeutisches Repertoire vor dem Hintergrund der in Gyslings Artikel zusammengestellten Daten abklopft stehen fast alle in ziemlich kurzen Hosen da.

In dem Artikel durch werden etliche Beispiele angeführt, wo durchaus schöne Doppelblindstudien vorlagen – aber schlußendlich hats halt doch nicht gestimmt. Man denkt da an das (wohl apokryphe) Zitat von Lincoln, dass man „alle Leute eine Zeit lang hinter das Licht führen kann und manche auch für immer, aber eben nicht alle für immer“ – das ist ja auch unsere einzige Hoffnung und Motivation weiterzumachen….

Der Artikel fußt auf einem Buch von David Healy: Pharmaggedon. Er geht durchaus noch einen Schritt weiter als Gysling in seinem Kommentar.

Und man muß doch fragen ob überhaupt weit geung gedacht wurde – diese Kritik am Artikel sei erlaubt. Soll man eigentlich überhaupt den Bluthochdruck medikamentös bekämpfen? Sollte man nicht versuchen, erst mal zu eruieren, was ihn in die Höhe getrieben hat und dann da ansetzen? Das geht aber dann in die Pyschosomatik, in das Ändern grundsätzlicher Lebensparameter und in ein sehr engagiertes sich-Auseinandersetzen mit dem Patienten. Und dann kommt viel Funktionelles mit ins Spiel – Spannungen im Körperlichen und Seelischen interagieren eben sehr eng. Das muß man im Einzelfall aufarbeiten und gemeinsam mit den Patienten angehen. Das funktioniert nur, wenn sich auch der Therapeut in eine Beziehung zum Patienten begiebt; nur dann kann man realistischerweise erwarten, etwas grunlegend zu ändern.

Will/kann man das? Gute Frage…

Gleiches für die berüchtigte Cholesterin- Therapie, die auch in dem Artikel angesprochen wird. Hat das überhaupt einen Sinn, Colesterin im Laborwert zu senken oder ist das nicht so, als ob man einen Eisblock an den Thermometer hält und glaubt, die Temperatur in der Wohnung fiele so? Ditto für Anti-Diabetica, Anti-Depressiva, Virostatica etc, etc….

Also:

Was da im Artikel angesprochen wird, ist meines Erachtens verdienstvoll und wichtig, dass es gesagt wird – aber es greift viel zu kurz. Eine Medizin, die es wert ist, ausgeübt zu werden, muß eben mehr sein als Medikamente verteilen, und sich auf den Patienten und seine Lebenssituation einlassen und ist dann für den Arzt echt anstrengend. Und dann muß man – zumindest in Deutschland – die ganze Versorgung umbauen, denn das geht nicht für 100 Patienten am Tag. Es gibt noch viel zu tun…

 

1 Kommentar zu „Basis der Pharmakotherapie defizitär“

  • bruno maggi:

    Da greife ich gerne in die Diskussion ein:

    Ich studierte Medizin 1969-76 in Zürich.

    Damals war Aufbruchstimmung unter (wenigen) StudentInnen.
    Wir hatten damals eine Gruppe von „linken MedizinstudentInnen“ die hiess „Basisgruppe Medizin“.
    Wir fragten uns:
    Was macht Menschen krank?
    Viren, Bakterien, Canzerogene, Radioaktivität, schlechte Gene und Traumata.
    Dies waren die Antworten der Universität.

    Wir sahen aber, dass Lebens- und Arbeitsbedingungen (Stress der Armut, der schlechten Arbeitsbedingungen, der Arbeitslosigkeit) Menschen krank macht.

    Da gab es für uns zwei Möglichkeiten:
    Einerseits die politischen Verhältnisse zu ändern. Was uns nicht gelang. (Der Realsozialismus (DDR/Sowietunion war keine „anmächelige“ Option).

    Andererseits aber eine „Pfläschterlipolitik“ (ein Pflaster auf die gärende Wunde zu tun, um die Leiden zu lindern aber das Übel nicht zu beseitigen). zu betreiben.

    Als Patient ist mir die zweite Variante lieber.

    Wir Ärzte müssen diesen Spagat aushalten können.

    In diesem Sinne:
    Viva la medicina individualizzata. (Es lebe die individualistische Medizin)

    Bruno Maggi

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