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H. Biedermann
Literaturliste & Kongreßbeiträge (Auswahl)

Der Wind jetzt von hinten – auch nicht immer gut ;-)

Wenn man Jahrzehnte für die Beachtung funktioneller Probleme und die Beachtung deren weitreichender Konsequenzen gekämpft hat, ist man heutzutage in der fast paradoxen Situation, daß man manchmal zu Ruhe und Abwarten raten möchte, damit nicht eine an sich richtige Sichtweise zu mehr Irritation und letztlich Schaden führt.

Das ‚Problem‚ mit der funktionellen Ebene ist, daß sie gerade bei jungen und jüngsten Patienten nur in Interaktion mit der aktuellen Entwicklung vernünftig beurteilt und genutzt werden kann. Analog zu der alten Weisheit von Paracelsus aus dem 16. Jhd. „Die Dosis macht das Gift“ möchte man hier oft sagen: „Der Zeitpunkt entscheidet, ob eine manuelle Maßnahme schadet oder nützt„.

Das ist gerade bei denen, die vor allem Erwachsene als Bezug haben, nur schwer zu vermitteln. Man muß ein 4 Wochen altes Neugeborenes anders untersuchen und behandeln als einen 6 Monate alten, von (z.B.) Schulkindern oder Pubertierenden mal ganz abgesehen. Hat man einmal verinnerlicht, daß die Kopfgelenke einer der zentralen Punkte der kleinkindlichen Entwicklung sind, ist deutlich, daß erst mit Einsetzen der muskulären Kopfkontrolle (ca. 3 Monate) eine gute Therapierbarkeit einsetzt. Noch dazu hin hatten Buchmann und Bülow schon in den 70gern nachgewiesen, daß fast 2/3 der Neugeborenen Funktionsstörungen der Kopfgelenke haben; davon ist dann drei Monate später nur noch ein recht kleiner Teil von 5-8% übrig, und noch einige Zeit später noch mal die Hälfte weniger. Etwas scharf formuliert kann man so schöne Erfolgsraten generieren, wenn man schon ganz früh ‚behandelt‚ – und sich dann die spontan einsetzende – und hoffentlich durch die Therapie nicht behinderte – Verbesserung auf die Fahnen schreibt.

In den letzten Monaten beobachten wir immer wieder besorge Eltern, die ihr minimal auffälliges, noch ‚kaum auf die Welt gekommenes‘ Kind mit Sorgenmine bringen, in der irrigen Ansicht, es brauche dringend eine Behandlung. Sicher ist es so, daß auch in der ganz frühen Phase der Neugeborenen- Entwicklung manchmal eine funktionelle Behandlung richtig ist, aber man sollte sehr sparsam mit der Indikationsstellung sein, da hier wie gesagt noch viel spontane Verbesserung erfolgt, und nur offensichtlich ‚leidende‘ Kinder unsere unmittelbare Hilfe brauchen. Ich erlebte im engen Bekanntenkreis mehrere Fälle, wo die natürlich für indirekte ‚Warnungen‘ sehr empfänglichen ‚Erstmütter‘ à la „Na ja, ich weiß nicht…“ bei kleinsten Verspannungen oder Asymmetrien der Haltung in halbe Nervenkrisen getrieben wurden. ‚Aggressives Abwarten‚ ist oft  eben auch eine sehr vernünftige Vorgehensweise, sie zu vergessen ist die kleine Schwester des „Viel hilft viel!“, das immer wieder  sein Haupt erhebt.

Dieses Herangehen unterschätzt das Irritationpotential jeder noch so gut gemeinten Therapie. Gerade bei funktionellen Dingen ist die Bandbreite zwischen zu wenig und zu viel nur gering. Es ist fast rührend zu sehen, wie dann in den oft mitgebrachten Protokollen von allen möglichen ‚Blockierungen‘ im thorakalen oder gar lumbalen Bereich berichtet wird – die natürlich erfolgreich behandelt worden waren – die aber vor der Krabbelphase (thorakal) oder gar der Vertikalisierung (lumbal) kaum eine Rolle spielen. Wird dann der Begriff ‚festgestellt‚ in den Mund genommen, entfaltet sich viel Humoristisches.

Lange Rede – gar kein Sinn“, wie Tante Elfriede zu sagen pflegte, soll hier für gelassenes Abwarten bis zum effektiven Behandlungsmoment geraten werden. Gerade in dem enorm dynamischen Zeitraum zwischen Geburt und dem ersten Geburtstag, an dem die Vertikalisierung, d.h. das Laufen lernen zu erwarten ist, ist weniger mehr. Und dann richtig, d.h. mit gründlicher Röntgenanalyse.

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