Medizin: eine praktische Wissenschaft

Wir alle müssen danach streben, unser Tun&Lassen nachvollziehbar zu gestalten. Für ein vorgegebenes Leiden des Patienten sollten wir plausible Ursache(n)  im Kopf haben und diese dann überprüfend ausschließen bzw. verifizieren. Da geht enorm viel Erfahrung mit ein, und man kann bei gleicher Ausgangslage durchaus zu völlig verschiedenen Behandlungsansätzen kommen.

Schon in unserem eigentlichen Biotop, der Manualmedizin, gibt es viele ‚Flavours‘ und Schulen. Es verwundert auch nicht, dass immer wieder der Drang, sich unsterblich machen zu wollen dazu führt, dass man Altes als eigen und neu, anderes hingegen als falsch und schädlich hinstellt. Mit den Jahren wird man da milder, so einem das Gedächtnis für die eigenen Umwege und Irrungen nicht weg-gealtzheimert ist.

Wir stehen ja in unserem erfahrungsmedizinischen Biotop zwischen zwei Polen: auf der einen Seite das ‚anything goes‘ des wer-heilt-hat-recht und auf der anderen die Zwangsjacke der EBM- Dogmatiker. Wenn man sich gewahr wird, wie viel unserer  therapeutischen Wirkung nur auf der Basis des nonverbalen empathischen Kontakts funktioniert wird man zu ersterem neigen, wenn man sieht, wie sehr dies aber auf der Basis einer soliden handwerklichen Grundlage viel effizienter ist , eher zu letzterer. Und gerade das Problem der Weitergabe unseres Wissens an die nächste Generation sollte uns davor schützen, allzu Beliebiges abzusegnen.

Momentan sind es aber eher die Planungen mancher Funktionäre im Gesundheitswesen, die Angst machen. Unter dem Banner der Validierbarkeit versucht man alles, was einem nicht in den Kram paßt, die Daseinsberechtigung abzusprechen unter der Überschrift „dafür sollten die Versicherten nicht mit ihren Beiträgen geradestehen müssen“. Auf den ersten Blick eine vernünftige Forderung. Auf den zweiten kann solches Vorgehen die Versicherten aber sehr teuer zu stehen kommen – wenn nämlich eher sanfte und interaktive Therapien durch ‚wissenschaftliche‘ Behandlungen ersetzt werden sollen.

In seinem „Plädoyer für Pluralismus in der Medizin“ geht Stefan Schleim, Psychologe an der Uni Groningen, auf dieses Problem ein.

 

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