Atlasprof – ein Titan der Karpaten?

– so ließ sich der rumänische Diktator Ceausescu nennen. Hat ihm schlußendlich nicht viel geholfen, aber bis man ihn – auf wenig elegante Weise – losgeworden war, litt das Land schrecklich.
Soll also keiner die Macht des Wortes unterschätzen.

Wir Manualmediziner sind in einem Teilbereich der Heilkunde tätig, der noch handwerklicher geprägt ist als die Medizin im Allgemeinen. Wie auch bei der Musik oder anderen Künsten bringt dieses Handwerk Könner hervor. Nicht immer können diese Könner der Versuchung widerstehen, sich unsterblich, oder in Ermangelung dessen, zumindest bekannt zu machen.
So werden immer wieder Methoden als völlig neu deklariert, bei denen der Eingeweihte zumindest schmunzelnd kommentieren würde, dass da mal wieder alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird. Eine ganz plumpe Art ist dann, diese alte ’neue‘ Methode mit seinem Namen zu versehen. Man verzeihe mir, hier keine Beispiele zu nennen, de mortuis nihil nisi bene.
Der zweitdümmste Methode ist dann, eine neue Berufs- oder zumindest Tätigkeitsbezeichnung zu kreieren. Für diese ’neue‘ Spezialisation werden dann in der Regel entsprechend kostenträchtige Kurse angeboten, aber man bekommt ja am Schluß ein Zertifikat, mit dem man seine Praxis aufwerten kann. Wir haben kummervoll den Begriff ‚Atlastherapeut‘ kennengelernt, mit dem sich einige schmücken zu müssen glauben und auch dargelegt, warum dieses Label irreführend und unbrauchbar ist. Das soll hier nicht wiederholt werden, vielmehr sei auf eine noch ‚tollere‘ Berufsbezeichnung hingewiesen, die mir durch eine Patienten-Familie in Form eines Werbeblättchens auf den Schreibtisch flatterte. Da hab ich allerdings einsehen müssen, dass ich als einfacher Manualmediziner Handlungs- und Fortbildungsbedarf habe. Denn es gibt jetzt einen Spezialisten für die obere Halswirbelsäule, den „Atlasprof“. Netterweise im Text der Broschüre gleich mit einem Warenzeichen-® im Kreis versehen.
Könnte man lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Aber erst mal wacker aus dieser Broschüre zitiert:
„Haben Sie gewußt, dass der oberste Halswirbel – der Atlas – bei fast allen Menschen ausgerenkt (luxiert) ist?“. Das hat im Jahre des Herrn 1993 Herr Schümperli herausgefunden, und gleich eine „weltweit einmalige Methode entwickelt, die den Atlas wieder in die richtige Lage zurückbringt“. Und so weiter, und so fort.
Da war vorher keiner, da ist neben ihm keiner, sein Licht leuchte und erhelle das Dunkel. Geht ganz einfach, nämlich mit der AtlasPROfilax-Methode (auch da ein Warenzeichen-® im Kreis dran). Diese Methode – und da füge ich nun das ‚einmalig‘, ’neuartig‘ etc. in vorauseilendem Gehorsam an, „kann und darf nur von einem an der AtlasPROfilax ACADEMY SWITZERLAND ® (s. Bild) ausgebildeten Atlas-Spezialisten – einem sogenannten Atlasprof® präzise und gefahrlos praktiziert werden“.
Und all die anderen sind halt kein Prof., schon gar kein ‚Atlasprof®‘, gell…
Nun ist es sicher so, dass etliche, die sich mit solchem Lametta schmücken durchaus ein Händchen haben und vielen Patienten helfen. Dem immer noch bestehenden Verbot für nicht-Ärzte, die (Hals-)Wirbelsäule zu manipulieren geht man einfach dadurch aus dem Weg, dass man das Verfahren umtauft, im Falle unseres ‚Atlasprofs®‘ wird dann von „gezielter Massage“ gesprochen. Gott sei Dank ist die Wirbelsäule enorm flexibel und leidensfähig und es passiert so selten etwas.
Hinter all diesen Unsinn steht eine bedauerliche Tatsache – und der ‚Atlasprof®‘ ist ja nicht die einzig zirkulierende Variante, nur ein besonders krasses Beispiel. Diese Tatsache ist, dass es die Manualmedizin in Deutschland bisher energisch vermieden hat, ihre in den 50ger und 60ger Jahren so enorm schöpferische Basis weiterzuentwickeln oder auch nur zu bewahren. Nur hier in Mitteleuropa war eine Synthese zwischen den manualtherapeutischen Verfahren und der klassischen Medizin entstanden, die deren Weiterentwicklung auf sicherer naturwissenschaftlicher Basis ermöglichte.
Schon damals wurde aber hinter allen möglichen Moden hergelaufen. Viele sind heute vergessen. Zurzeit ist es die Osteopathie, der man zu Füßen liegt, statt selbstbewusst seine eigenen Traditionen und Erkenntnisse zu verteidigen.
Ein Lewit und Gutmann, um nur die ganz wichtigen Vorläufer zu nennen, werden – wenn überhaupt – nur pro forma wahrgenommen, um dann gleich zur Tagesordnung überzugehen, die in der Regel darin besteht, der aktuell angesagten Methode zu Füßen zu liegen. Und so rutscht man dann von einem Verfahren zum nächsten – auf Knien, wie man eben so rutscht.
Übrigens ganz ähnlich bei der Physiotherapie, wo ja auch nicht einfach behandelt werden kann. Es muss immer ein Name draufkleben – auch wenn man beim Zuschauen in der täglichen Praxis durchaus bemerkt, dass sich die reine Lehre den Realitäten anpasst.
Das war und ist ja einer der Hauptgründe, warum wir denjenigen, die sich diesem Trend widersetzen wollen, in der EWMM eine Plattform geschaffen haben. Wir weigern uns, diese Arbeit mit Namen oder neuen und hohlen Titeln zu garnieren.
‚Manualmediziner‘ ist ehrbar genug.
Der Atlasprof® wird also nicht das letzte Schmankerl sein, was uns da serviert werden wird. Es gib ja noch die Vitalogen…
Fortsetzung folgt

Kommentieren