Die Nadel im Heuhaufen oder: Was gibt es Neues in der Manuellen Medizin?

…ist natürlich die Frage aller, die sich editorisch mit diesem Gebiet beschäftigen und ihre Relevanz nicht von der Hand zu weisen. Es hat auch Nachteile, zu einem der ältesten Zweige der Medizin zu gehören – viel echt Neues ist nicht zu erwarten.

Das Anfassen zu Zwecke der Besserung des Befindens ist so alt wie die Bezeichnung „Be-Handlung“ vermuten lässt. Wenn man unsere nähere Primaten- Verwandtschaft anschaut wird deutlich, dass das sich gegenseitig das Fell Kraulen lange Tradition hat. Mit dem Verlust der Haare ging man dabei neue Wege mit dem gleichen Ziel des Vermittelns von Wohlbehagen im Hinterkopf. Ältere Menschen (und Globetrotter) werden sich noch erinnern, wie das Massieren von Kopfhaut und Nacken zum Service- Standard der Friseure gehört(e). Dabei ist man dann weniger angetan von einem flotten Mädchen als Bedienung; die kräftigen und erfahrenen Hände eines männlichen Figaros sind allemal besser geeignet, dieses Gefühl zu vermitteln.

Schon die Tatsache, dass bei diesen so lustvoll entgegengenommenen Dienstleistungen die Nackenregion eine große Rolle spielt, sollte uns daran erinnern wie wichtig die obere Halswirbelsäule für unser seelisches und körperliches Gleichgewicht ist. Zahllose Therapieansätze nutzen diese Erkenntnis, um mit ganz verschiedenen Argumentationen dasselbe Ziel anzusteuern: den entspannten und wohlig den Kopf stützenden Nacken.

Von den schon erwähnten Barbieren über die Masseure der antiken und mittelalterlichen Badeanstalten bis hin zu den heutigen Hamams der islamischen Welt zieht sich dieser Faden durch alle Zeiten und Kulturen. In den letzten 150 Jahren hat sich auch aus dieser Szene ein Spezialistentum herausgebildet, das – in den einzelnen Kulturkreisen mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung – das uralte Wissen um die „heilende Berührung“ (healing touch) theoretisch vertieft und aufgearbeitet als Grundlage neuer zum Teil akademischer Berufe gemacht hat. Neben den Masseuren traten hier in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr die Krankengymnasten hinzu, gefolgt von immer weiteren Berufsbildern, die diese Problematik teils als Hauptarbeitsgebiet sehen, teils wie Ergotherapeuten und Sportwissenschaftler, als Ergänzung ihrer Arbeitsschwerpunkte. Dies geschieht im Westen auf Fachhochschul- oder universitärem Niveau (Physiotherapeuten, Manualmediziner, Sportwissenschaftler usw.), in Asien z. T. auf der Basis tradierten Volkswissens (vgl. [2]).

Neben der mehr oder weniger energischen Berührung tritt dabei die explizite Beeinflussung der (gestörten) Funktion in den Vordergrund. Während bei Bindegewebsmassage, zervikaler Extensionsmassage oder Lymphdrainage die Weichteile im subkutanen Vordergrund stehen, gehen Muskelmassage und Friktionsmassage tiefer. All diese Verfahren beschränken sich darauf, die jeweiligen Weichteile zu mobilisieren und damit Durchblutung und Beweglichkeit zu fördern.

Eine weitere Stufe tiefer setzen all die Methoden an, die sich die Verbesserung der Gelenkfunktion zum Ziel gesetzt haben. Auch hier kann man auf lange Traditionen zurückblicken, die sich bis in die Antike zurückverfolgen lassen. Großer Vorteil moderner Verfahren ist, dass wir hinsichtlich der verwendeten Kraft und der Häufigkeit der Behandlungen deutlich effizienter geworden sind, als noch vor einer oder zwei Generationen. Wenn man Abbildungen eines Buches von Cyriax aus den 30ger Jahren des letzten Jahrhunderts betrachtet[1] – von den Illustrationen Palmers ganz zu schweigen[3] (diese sind noch 50 Jahre älter) – stellt sich eine gewisse Hochachtung vor dem Mut der behandelnden Ärzte, der Stoik der Patienten und der athletischen Kondition der Assistenten ein. Man versteht dann einmal mehr, dass „Patiens“ schon rein etymologisch mit Geduld und Leidensfähigkeit zu tun hat.

Nun sind all die oben gelobten Charakterzüge auf dem Rückzug, insbesondere die im Wort Patient anklingenden, und ein heute Behandelnder, sei es ein Arzt oder Kinesitherapeut, ist gut beraten, dies bei der Wahl seiner Mittel zu berücksichtigen.

Schon allein aus dieser Konstellation ergibt sich ein deutlicher Innovationsbedarf, der eigentlich jeden Herausgeber einer einschlägigen Fachzeitschrift ruhig schlafen lassen sollte, scheint er doch genug Material für viele neue Hefte sicher zu sein. Hinzu kommt, dass der Drang zum evidenzbasierten Handeln auch vor interaktiven Therapieformen nicht Halt macht. Zwar scheiden hier viele Verfahren aus, die für die Überprüfung pharmakologischer Wirkungen entworfen worden sind (Stichwort: Unmöglichkeit des echten Doppel-Blind-Tests), aber man tut doch sein Bestes.

Wieder ein Argument für den ruhigen Nachtschlaf des Schriftleiters.

Last not least gibt es noch einen dritten Grund für dessen gute Bettruhe: alles, was mit interaktiver Therapie oder gar mit Be-Handlung im Wortsinn zu tun hat ist – wieder wörtlich zu nehmen – „Hand-Werk“ und als solches nicht oder nur ganz begrenzt standardisierbar.

Man kann Klavierspielen lernen hinsichtlich Ausdruck und Technik. Aber jeder, der lange und oft genug spielt, wird seinen eigenen Stil entwickeln und wer gut genug zuhört, wird für diese Unterschiede sensibel sein. Diese Individualität führt aber zwangsläufig dazu, das eigene Vorgehen für das beste, ja letztlich das einzig Akzeptable zu halten. Von da bis zum Gründen einer eigenen Schule incl. Methodik, Nomenklatur und theoretischem Unterbau ist es dann nicht mehr weit.

Mit diesen Methoden sind wir fast überreichlich gesegnet und solange das feurige Vertreten einer Richtung dazu führt, dass man sich mit der Problematik entsprechend gründlich auseinandersetzt und dies seinem Mitmenschen zugänglich macht, ist dagegen nichts einzuwenden. Jede lebhafte Auseinandersetzung fördert den Wissenszuwachs und damit den Nachtschlaf unseres Schriftleiters.

Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man sich an gewisse elementare Spielregeln hält, zu denen unter anderem gehört, sich nicht mit fremden Federn zu schmücken. Alle Schreibenden wissen, wie viel Wahrheit in der Bemerkung steckt, „abschreiben bei einer Quelle stellt ein Plagiat dar, abschreiben bei mehreren ist Recherche“ – und wir alle sind irgendwo dieser Sünde schuldig geworden. Trotzdem sollte das Streben nach Originalität beim Publizieren von Forschungsergebnissen Leitlinie bleiben.

In der Manuellen Medizin wird dann aber die Luft sehr dünn. Es gibt praktisch keinen Griff, keine Indikation und keinen Muskelansatz, der nicht schon vielfach beschrieben wäre. Wer versucht, sich mit „neuen“ Methoden einen Namen zu machen, mag wenig Geschichtsbewussten durchaus Eindruck zu machen, aber er begibt sich dann in die Gefahr, von Seinesgleichen mit eben diesen Methoden eher früher als später entthront zu werden.

Der „Griff nach Wolpertinger“ ist genauso beschmunzelbar wie die diversen physiotherapeutischen Methoden, die der Name ihres „Erfinders“ ziert. Und ebenso, wie es bei den Krankengymnasten eher traurig ist, dass man nach X oder Y behandelt, statt auf neurophysiologischer Basis, trägt es weder zu Qualität noch zu Transparenz der Manualmedizin bei, wenn sich hier „Schulen“ und Methoden gegenüberstehen. Es ist wohlgemerkt unabdingbar und für den Fortschritt des Wissens durchaus positiv, dass es unter Manualmedizinern verschiedene Lösungsansätze gibt. Man müsste es eher für merkwürdig halten, wenn sich zeigen sollte, dass alle im Fach Aktiven mit exakt derselben Methodik erfolgreich wären. Dazu sind die Charaktere und auch die Physis der Beteiligten zu unterschiedlich. Man sollte deshalb durchaus vorsichtig sein, wenn – wie immer wieder in Editorials z. B. der Manuellen Medizin nachzulesen – eine und nur diese Methode für eine bestimmte Fragestellung als die einzig akzeptable dargestellt wird.

Nun sieht der Insider schnell, dass es sich bei den eloquentesten Verfechtern nicht selten um Autoren handelt, deren praktische Erfahrung – um es euphemistisch zu formulieren – eher begrenzt ist. Um so mehr wäre hier die Schriftleiterrunde gefordert, zu diesen Anlässen aufzutreten und Stellung zu nehmen.

Wenn wir hier versuchen, Interessantes und „Klickenswertes“ zusammenzustellen, hat das auch den Hintergrund, im eigenen Kopf aufzuräumen. In dem Moment, wo man etwas anderen erklären möchte, werden einem die Brüche in der eigenen Argumentation viel klarer – und man hat à la limite die Chance, seinen Standpunkt zu überdenken. Insofern muss nicht alles neu sein, was wir hier präsentieren. Ich finde es im Gegenteil manches Mal sehr spannend zu sehen, wie alt bekannt gewisse Details unseres Handwerkes sind, wie wir in unserer Überheblichkeit meinen gefunden zu haben – um dann kleinlaut gestehen zu müssen, das Gleiche in einem Buch von 1890 lesen zu können.

Dies war zum Beispiel der Grund dafür, warum wir uns in den nächsten Monaten bemühen werden, neben dem schon aufs Netz gestellten Nägeli auch andere „Vorväter“ der Manuellen Medizin auszugraben und allgemein zugänglich zu machen.

Last not least soll aber auch versucht werden, den wissenschaftstheoretischen Problemen auf den Grund zu gehen, die unser Streben nach weiterer Wahrheit begleiten.

Wie sehr beeinflusst zum Beispiel der – durchaus lobenswerte – Ansatz der EBM (evidence based medicine) unseren Blickwinkel auf Entwicklung und deren Störungen? Gerade bei langwelligen Veränderungen greift das Instrumentarium der klassischen medizin-statistischen Verifizierung nicht. Hier werden wir zu epidemiologischen Werkzeugen greifen müssen, wenn wir unsere Theorien überprüfen wollen. Erst wenn man dann diese Problematiken so weit heruntergebrochen hat, dass handhabbare Stückchen entstehen, wird man diese wiederum mit EBM- Kriterien messen können. Dabei darf aber die dadurch notwendigerweise in Kauf genommene (teils rabiate) Vereinfachung nicht unter den Tisch gekehrt werden.

Es ist also viel Neues zu suchen, finden & publizieren. Packen wir’s an, wie es so schön in einem alten ESSO- Slogan hieß!


Literatur:

1. Cyriax, J. (1947): Textbook of Orthopaedic Medicine: Diagnosis of Soft Tissue Lesions. Band 1: Cassell.

2. Leboyer, F. (1976): Shantala, un Art traditionel: le massage des enfants. Paris: Seuil.

3. Palmer, B.J. (1934): The Subluxation Specific – The Adjustment Specific. Davenport, Iowa: Chiropractic Fountain Head.

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