Wofür das neue Manmed hier gut sein soll: Podium, Austausch & Filter


Vor etlichen Generationen war das Finden und Besitzen von Informationen – in der Regel in gedruckter Form – fast ein Wert an sich. Ich erinnere mich, dass mir mein Großvater in den sechziger Jahren sagte: „Jedes Buch hat eine Seele. Man wirft nie ein Buch weg“.

Jahre später las ich die Krimis von Montalban mit seinem Detektiv Carvalo, der geradezu genüßlich Bücher ins Feuer warf, die er eines weiteren Lesens nicht für würdig erachtete. Dies Verhalten hätte meinen Vorfahren die Zornesröte ins Gesicht getrieben – war aber schon damals vor etlichen Jahren und heute noch viel mehr zweckmäßig, ja reine Notwehr bei dem ‚Information overload‘, mit dem wir andauernd konfrontiert sind.

Heute muss man sieben, auswählen, vergessen – sonst hat man keine Chance. Ein sehr empfehlenswertes Buch zu diesem Thema ist übrigens Harald Weinrichs ‚Lethe: Kunst und Kritik des Vergessens‘. Wir bewundern die Savants, die extremes Erinnerungsvermögen besitzen. Erst auf den zweiten Blick wird einem klar, welcher Fluch solch ein absolutes Gedächtnis ist: Nichts vergessen können bedeutet auch, nichts zu Mustern oder Gruppen zusammenfassen können. Man erinnert sich an jeden einzelnen Stuhl im Zimmer, an jedes Auto auf der Straße.

Im naturwissenschaftlich- medizinischen Bereich ist es ähnlich: selbst bei optimaler Leseleistung ist man nicht in der Lage, sich verstehend dem Schwall der produzierten Fachliteratur entgegenstemmen zu können – in seinem eigenen Fachgebiet wohlgemerkt. Von einem Humboldt’schen allgemeinen Verstehen der Welt ist man zehnerpotenzenweit entfernt. Trotzdem (oder gerade deswegen) sollten wir uns bemühen, zumindest um einen Überblick zu kämpfen. Nur dann werden wir die interessanten Querverbindungen aufspüren können, die uns in unserem kleinen Mauseloch weiterbringen.

Schon G.B. Shaw erkannte, dass man am besten ein Buch schreibt, wenn man sich intensiv in ein Thema einarbeiten will. Dies ist dann heutzutage eine gute Motivation, einen solchen Website zu gestalten und zu betreuen. Natürlich auch die Hoffnung, dass andere reagieren, mit helfen, anregen etc. Doch dazu wird Zeit nötig sein. Gerade diejenigen, die in der Grundversorgung der Patienten in eigener Praxis täglich wichtige Erfahrungen machen, sind häufig stumm, was das publizieren angeht. Sie werden nicht wahrgenommen, und die herrschende Wissenschaftspublizistik tut ihr Bestes, sie immer weiter zu entmutigen.

Manmed soll auch und vor allem dazu ermutigen, ’spezielle‘ oder ‚komische‘ Fälle darzustellen, so daß andere Kollegen dies mit ihrer eigenen Erfahrung abgleichen können und so diskutiert werden kann, was wir alle miteinander daraus lernen können. Der Fortschritt in der Medizin entsteht nicht durch massive Statistiken, sondern dadurch, dass einer über solch einen Fall stolpert, nachdenkt, fragt, diskutiert und auf dieser Basis zu therapeutisch Neuem kommt, was man dann in der Praxis erprobt. Dann – ziemlich weit hinten – kommt (und muß kommen) die statistische Aufarbeitung. Aber ohne die ‚bright Idea‘ eines Einzelnen wird diese Kaskade nie in Gang kommen.

Als mein Vater starb und ich seine Nachlassenschaften in seiner Praxis sortieren mußte, wurde mir klar, wie viel an Erfahrung und Wissen unwiederbringlich verloren war. Auch beim Tode meines Freundes und Lehrers Gutmann überkamen mich ähnliche Gedanken: Berge von Blöcken mit Einträgen wie ‚unbedingt aufarbeiten‘ oder ’sehr illustrativer Fall‘ fanden sich, aber im Gekrakel der unlesbaren Schrift nicht mehr zu ermittelnde Details verhinderten das.

Heute haben wir an sich die Möglicheit, die Schwelle für eine Veröffentlichung recht niedrig zu halten. Dies ist Grund für uns, diese Fallbeschreibungen hinter ein login zu packen. Es macht wenig Sinn, diese ’speziellen‘ Fälle der uninformierten Öffentlichkeit tout cru zu präsentieren. Dies soll und muß der Diskussion unter Profis vorbehalten bleiben.

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