Juni 2010 in Antwerpen: Manualmedizinisches Röntgen, (Zell-)Stoffwechsel und die Suche nach der Wahrheit..

Wir trafen uns im frühsommerlichen Antwerpen zum Brainstorming und diskutierten, diesmal mit den beiden Schwerpunkten Darmflora und Schulter. Als drittes Bein – wie immer – die praktischen Erfahrungen beim Behandeln und bei der Röntgenauswertung.

Frau Dr.Ammermann, Düsseldorf

Beginn – wie üblich – Freitag vormittag. Am Anfang präsentierte ich eine Blütenlese lehrreicher Röntgenbilder; was einem so halt in den Wochen vor dem Treffen unter die Augen gekommen war. Man staunt auch nach vielen Jahren immer noch, wie vielfältig und aussagekräfitg unser gutes altes Röntgenbild ist – in Vielem durchaus tiefer blicken lassend als all die teueren MRIs  – wenn man es gelernt hat.

Danach präsentierte uns der Kollege Ammermann aus Düsseldorf seine Erfahrungen als Operateur mit Schulterproblemen. Es war interessant zu sehen, wie sich hier ‚klassische‘ orthopädische Sichtweise und manualmedizinischer Ansatz zum Teil ergänzten, zum Teil aber auch widersprachen. Letzteres versuchte ich im Anschluß an seine Ausführungen darzustellen. Meine Punchline: „Wenn man die Ursache von Schulterschmerzen finden will, muß man an der Schulter vorbeisehen“ – ein Motto, das wir seit vielen Jahren erfolgreich praktizieren und das natürlich in gewissem Widerspruch steht zu einer eher lokal und pathomorphologischen Sichtweise.

Im Anschluß daran berichtete die Kollegin Ammermann (yes, his wife) als Einleitung zum ‚Stoffwechsel‘- Abschnitt unseres Treffens über die Rolle der Mitochondrien im Zellstoffwechsel und bei der Nosologie.

Dr. Uwe Peters

U. Peters, ein Mitarbeiter des Instituts für Mikroökologie in Herborn (URL), berichtete über Symbioselenkung und deren biochemische Grundlagen. Er kommt aus dem ‚Symbioflor- Biotop‘, ggf. wegen Infos direkt über die obige URL ansprechen. Gerade die Gegenüberstellung dieses aus der praktischen Arbeit kommenden Referats (wenn auch mit einem ‚kommerziellen Geschmäckle‘ – aber das war&ist sein gutes Recht) mit dem darauf Folgenden war sehr interessant.

Jeroen Raes, der anschließend sein Referat über Metagenomik hielt (URL), beschäftigt sich mit Datenmassen, die entstehen, wenn man z.B. den Darminhalt en bloc auf Gensequenzen untersucht. Dies ist erst seit kurzem möglich, da enorme Mengen an DNA-Strängen dokumentierbar sind und dann mit aufwendigen Computerprogrammen zugeordnet werden müssen, bevor man etwas damit anfangen kann. Dann allerdings schält sich die enorm wichtige Erkenntnis heraus, dass wir bisher nur einen kleinen Teil unserer Darmflora überhaupt kennen, da ein gut Teil gar nicht in der Petrischale züchtbar ist. E.coli ist am besten erforscht, da er sich gut kultivieren lässt, er stellt aber nur einen einstelligen Prozentsatz der Darmflora dar. (Cultivation bias).

Jeroen Raes, Prof. Metagenomics VUB

Er war Coautor eines Nature-Artikels, der meine Aufmerksamkeit erregte (URL) – nicht zuletzt, weil er auf dem Titelblatt dieser Nummer firmierte. Als ich beim Durchlesen der vielen Autoren dann auf einen stieß, der nicht nur in Deutschland gearbeitet hatte, sondern auch noch aktuell in Belgien tätig war, sprach ich ihn einfach per Email an. Beim telefonieren stellte sich dann heraus, dass er praktisch um die Ecke hier in Antwerpen wohnt. Ein junger, polyglotter Wissenschaftler mit einer Arbeit auf dem Titelblatt von Nature – was will man mehr für seinen kleinen Workshop! Außerdem noch leidenschaftlicher Hobbyfotograf (er machte unser diesjähriges Gruppenfoto – s.u.).

Nach intensiver Diskussion ging es dann abends in ein Restaurant in der Nachbarschaft (Degustation); die Habituées wissen, dass wir in meiner Antwerpener Wahlheimat über eine überwältigende Fülle guter Plätze verfügen, um so einen Arbeitstag würdig ausklingen zu lassen. Diese Diskussionen am Rande sind für mich ein wesentlicher Teil des Ganzen, um so mehr, als doch die Meisten eher als Einzelkämpfer in ihren Praxen stehen.

Degustation Antwerpen
Restaurant Degustation Antwerpen (klicken vergrößert)

Am Samstag morgen ging es wieder mit meinen Röntgenkasuistiken los. Zum einen kann man alleine damit unschwer ein ganzes Wochenende füllen, zum anderen wäre es ja unhöflich, seine Gastsprecher vorzuschicken, bis dann die Zuhörer, geschwächt von den Entbehrungen des vorigen Abends mit seinen Diskussions- und Alkoholentbehrungen – so langsam eintrudeln und extubiert werden.

RA Comes, Köln

Der erste ‚echte‘ Redner war dann Heinrich Comes, Anwalt in Köln; er sprach über  „Das Recht kennt mehr Wahrheiten als Konrad Adenauer“ – für einen Kölner wahrlich ein passendes Thema. Man verliert im Alltagsgeschäft durchaus die Sensibilität dafür, wie sehr der Umgang mit der Wahrheit (welcher?) in unserem kommunikativen Beruf zu medizinischen und ethischen Konflikten führt. Dieser Blick vom anderen Fachstandpunkt aus hat mich sehr berührt. Deshalb bin ich Heinrich Comes sehr dankbar, dass er uns sein Referat zur Verfügung stellte. „Die Wahrheit ist ein Spiegel der vom Himmel fällt und in tausend Stücke zerspringt. Jeder nimmt sich einen Splitter und hält diese Projektion ‚für die Wahrheit’“.

A. KowelDie folgende Rednerin, Ansgild Kowél (Südbrokmerland) – ist mir seit vielen Jahren als hochkompetente Physiotherapeutin bekannt. Früher in Soest arbeitend hat sie die Anfangsjahre des KiSS- Konzeptes unterstützend begleitet. Sie ging dann, ihrer Natur folgend, in die norddeutsche Tiefebene und arbeitet jetzt dort kurz hinter dem Deich. So war diese Einladung, uns etwas über Feldenkrais und seine Methode zu erzählen. Getreu der Grundidee von Feldenkrais tat sie dies, indem sie die Zuhörer aktiv in Übungen einbezog. Tut uns ganz gut, mal die Rolle des Patienten zu übernehmen!

 

Ihr Referat war der Übergang zu den Beiträgen der Teilnehmer, die aus ihrer praktischen Arbeit berichteten:

Jutta Ewers (Bornheim) über einen Schulversuch in einer Grundschule, wobei dem eigentlichen Unterricht (mit viel Erfolg) eine Viertelstunde Psychomotorik vergeschaltet wurde, um die Kinder zu aktivieren und ihr Körperbewußtsein zu schulen. R. Theiler (Olten, CH) berichtete über eine interessante Kasuistik, danach kam es in kleinen Gruppen zu praktischen ‚Fachsimpeleien‘.

Als Veranstalter ist man dann irgendwie auch froh, wenn alles vorbei ist und geklappt hat, deshalb will ich zum Schluß einfach nur die Hoffnung äußern, dass es das nächste Mal auch wieder so gut klappt…

Die Teilnehmer (zumindest ein groß Teil)
Die Teilnehmer (zumindest ein Großteil)- klicken vergrößert

Antwerpen, 12.12.10

HBie

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