Die Wahrheit nützt sich ab

…überschrieb Ende 2011 der ‚New Yorker‘ einen Artikel, der sich mit einem Kümmernis vieler publizierenden Forscher beschäftigt: Man findet ein interessantes Ergebnis, einen neuen Zusammenhang – und kann ihn auch sauber nachweisen. Will man diese Resultate dann später noch mal überprüfen bleibt von den ursprünglich so klaren Aussagen nicht mehr viel übrig (Decline Effect).

Man muß gar nicht irgendwelche Verschwörungtheorien bemühen – es genügen einige ganz einleuchtende psychologische Beobachtungen um zu verstehen, was da passiert. Je mehr man sich mit der eigenen Wahrnehmung beschäftigt desto zurückhaltender wird man mit dem Glauben, sich auf die eigenen fünf Sinne verlassen zu können. Und das geht über den bekannten blinden Fleck im Auge weit hinaus (vgl. das amüsante Buch „Mistakes were made“).

In einem Kommentar einige Wochen später ging Lehrer nochmals auf diese Fragen ein (More thoughts on the decline effect). Seine erste Veröffentlichung – noch dazu in einer Publikumszeitschrift wie dem New Yorker – hatte etliche heftige Reaktionen hervorgerufen, die ihm unterstellten, er relativiere alle Wissenschaft und unterstütze so diejenigen, die Evolution und Klimaforschung ablehnten.

Aber es ist natürlich ein bißchen komplizierter: Jeder von uns hat ein Koodinatensystem im Kopf, das er nutzt, um neue Fakten zu bewerten. Stehen diese in Übereinstimmung mit Gewohntem, nehmen wir dies als Bestätigung eher wahr als ’störende‘ Dinge, die wir tendentiell ausblenden. Dieser Effekt ist in der Psychologie wohlbekannt; neben vielen anderen haben z.B. auch Ulrich und Johannes Frey haben in ihrem Buch ‚Fallstricke‘ darüber berichtet (J.F. war 2011 beim Treff in Antwerpen dabei).

‚In the field of medicine the phenomenon seems extremely widespread‘ schreibt Lehrer – und jeder hier Tätige kann das nur bestätigen. Aber so etwas schneidet an beiden Kanten: die Gegner einer neuen Methode wenden dies Argument gegen etwas Neues und Ungewohntes – aber die Verfechter solcher ‚ketzerischen‘ Umwälzungen müssen selber aufpassen, nicht dem gleichen Fehler aufzusitzen. Kognitive Dissonanz heißt das – kann jeder googeln oder auf Wikipädia nachschauen. Der ’neue‘ Dreh an der Geschichte ist aber, dass dieselben, die die ursprünglichen Untersuchungen machten, diese später nicht mehr ’so schön‘ nachweisen können.

Jonathan Schooler, auf den sich Lehrer ausführlich bezogen hatte, nahm einige Wochen später in Nature dazu Stellung )Unpublished Results….). Er legt den Schwerpunkt auf das Problem, dass meist das publiziert wird, was rund ist und paßt. Jeder, der sich selber der Mühe der primären Datengenerierung unterzogen hat weiß aber, wie sehr man da immer wieder mit Ausreißern, unpassenden Datensätzen und ’störenden‘ Resultaten konfrontiert ist. Wenn man dann mutig genug ist, dies zu veröffentlichen, erhält man nicht selten Beifall von der falschen Seite. Wir hatten eine Doppelblindstudie zur Effizienz von Manualmedizin bei kindlichem Kopfschmerz geplant und über Jahre durchgezogen. Irgendwann mußten wir erkennen, dass der Gesamteffekt unserer Therapie (Untersuchung, Diskussion der Situation + Zuwendung + ernst nehmen – dann schließlich die Behandlung) sich nicht auf das doppelblind erfaßbare technische Detail der Manipulation reduzieren ließ, sondern eben im ‚Gesamtkunstwerk‘ der Arzt/Patient- Interaktion bestand. Dieser isolierte Teileffekt war aber gegenüber dem Ganzen so klein, dass wir je über 600 Fälle benötigt hätten. Das war nicht zu erreichen.  Deshalb stellten wir die Studie ein und diskutierten dies in unserer Publikation. Der tendenzielle Titel wurde ihr dann vom Lektorat der Zeitschrift Headache verpaßt (Headache- Artikel).
Man kämpft also selber auch mit solchen Problemen und es tut gut zu wissen, dass es anderen genauso geht. Es ist ja nicht ganz einfach in unserem handwerklich geprägten Metier zwischen dem wirklich Notwenigen und dem schmückenden Beiwerk sauber zu unterscheiden. Dazu und als fröhlicher Ausklang eine Bemerkung von R. Feynman. Er schilderte 1974 den Cargo- Kult:

„Auf den Samoainseln haben die Einheimischen nicht begriffen, was es mit den Flugzeugen auf sich hat, die während des Krieges landeten und ihnen alle möglichen herrlichen Dinge brachten. Und jetzt huldigen sie einem Flugzeugkult. Sie legen künstliche Landebahnen an, neben denen sie Feuer entzünden, um die Signallichter nachzuahmen. Und in einer Holzhütte hockt so ein armer Eingeborener mit hölzernen Kopfhörern, aus denen Bambusstäbe ragen, die Antennen darstellen sollen, und dreht den Kopf hin und her. Auch Radartürme aus Holz haben sie und alles mögliche andere und hoffen, so die Flugzeuge anzulocken, die ihnen die schönen Dinge bringen. Sie machen alles richtig. Der Form nach einwandfrei. Alles sieht genau so aus wie damals. Aber es haut nicht hin. Nicht ein Flugzeug landet“ (Richard Feynman: „Cargo Cult Science“ Engineering and Science 37:7, S. 10)

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