Verbund Body/Mind

Beim rastlosen Lesen ist wieder mal ein für uns relevantes Buch aufgetaucht:

Vybarr Cregan-Reid:

Primate Change (octopusbooks.co.uk)

Cregan-Reid beginnt ziemlich früh in unserer Stammesgeschichte – eines der ersten Kapitel ist mit 500.000.000 – 30.000 überschrieben – und saust durch die Jahrmillionen; nachher wird es deutlich langsamer. So ist z.B. eines der hinteren Kapitel mit 1910 – Gegenwart betitelt. Schon aus dieser Einteilung wird deutlich, daß er sich vor allem um die Interaktion zwischen der modernen Lebensumwelt und unserer ‚Grundausstattung‘ bekümmert. Es ist wohl kein Spoiler, wenn man erwähnt, daß einer der letzten Abschnitte mit ‚Homo Sapiens ineptus‘ überschrieben ist; das ‚ineptus‘ ist den Anglos dabei geläufiger als uns (am besten wohl mit ‚unbeholfen‘ übersetzt). Das ist schon etwas entfernt vom weitaus optimistischeren ‚Homo Deus‘ Hararis – und m.E. etwas realistischer….

Im Text wird man mit einer Fülle von Beispielen konfrontiert, wie funktionelle Faktoren dann zum Problem werden, wenn die genetische Grundausstattung dem noch nicht angepaßt werden konnte; und daß dies in der sich exponentiell beschleunigenden Entwicklung unserer Umwelt immer mehr auswirkt, wird schon an dem unlängst eingeführten Begriff ‚Anthropozän‘ für diese neue erdgeschichtliche Epoche deutlich.

Man lernt viel über Biomechanik und die Interaktion zwischen unserer Anatomie und der – immer ‚bequemeren‘ Umwelt.

Da er selber Asthmatiker ist, beschäftigt er sich relativ ausführlich mit dem Thema Luftqualität, deren sinkender Qualität er ja als Londoner besonders ausgesetzt ist. Gerade das Thema „moderne Umwelt und die Interaktion damit“ ist ja fast grenzenlos, und so wundert nicht, daß da manche Kurve etwas sportlich genommen wird: man hätte sich die letzten Kapitel deutlich voluminöser gewünscht – aber dann hätte man einen 700-Seiten- Wälzer in der Hand gehabt.

Aber der Hauptaspekt ist die Seßhaftwerdung und ihre neuen Anforderungen an Metabolismus und Biomechanik. Neu um ein Detail herauszugreifen: Der durchschnittliche Nomade hatte viel dickere und solidere Knochen als die Ackerbauern, und dies wiederum waren um Etliches solider als auch ein Leistungssportler heutzutage.

Richtig Fahrt nimmt die immer schneller werdende Entwicklung dann mit der industriellen Revolution auf; wobei mehr und mehr auch im Bewußtsein der Zeitgenossen die Erkenntnis dämmert, daß die Erbmasse des Menschen (was wußte man damals schon von Genetik) sich nicht ganz so schnell anpaßt, wie das die Lebensumstände erforderten…

Es ist schwer, einem Tiefseefisch die Natur des Wassers zu erklären – und so sind wir für viele der uns krank machenden Lebensumstände betriebsblind und es ist nicht immer leicht, jahrelang eingeschliffene Gewohnheiten als z.B. ‚zu bequem‘ zu erkennen. Gerade auf unserem Gebiet – und besonders bei der Therapie Heranwachsender – ist es gut, sich Gedanken über die ‚artgerechte Menschenhaltung‚ zu machen.

Nicht daß wir das nicht schon irgendwo mal gehört hätten, aber in dieser zusammengetragenen und kompakt präsentierten Form ist es schon ‚food for thought‘. Und für uns biomechanisch- funktionell Denkende besondern anregend.

Also durchaus ein Buch, das sich gut im Bücherschrank macht – nachdem man es hoffentlich gelesen hat!

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